Alte Texte & Historische Texte – Ein Kommentar

Guten Morgen, ich hoffe Ihr hattet alle einen schönen Start in die Woche!

Ich hatte die letzten zwei Tage angenehmerweise wenig zu erledigen und konnte mein Wochenende somit größtenteils damit verbringen zu lesen. Im Zuge dessen bin ich – nachdem ich es mir vor Jahren gekauft hatte – endlich dazu gekommen Agatha Christies „Ordeal by Innocence“ zu lesen (Leseempfehlung!).

Dieser Kriminalroman, auf dessen Handlung ich hier garnicht weiter eingehen werde, denn wenn überhaupt hätte diese einen eigenen Blogbeitrag verdient, war der erste den ich seit Monaten gelesen habe und mir ist dabei eine Sache wieder besonders stark aufgefallen. Etwas, das ich bereits in der Vergangenheit beim Lesen diverser (Kriminal-)Romane vor allem unbewusst bemerkt habe.

Es gibt meiner Meinung nach einen unglaublich großen Unterschied zwischen modernen Kriminalromanen (und wie bereits kurz anskizziert natürlich auch Romanen im Allgemeinen), die in historischen Zeiten spielen und historischen Kriminalromanen, die in modernen Zeiten spielten und heute aufgrund ihres Alters historisch sind.

Meine Präferenz liegt deutlich bei Letzterem, was natürlich auch damit zu erklären ist, dass ich generell ein Freund alter Texte bin. In diesem Blogbeitrag möchte ich mir einmal die Zeit nehmen, meine Gedanken zu beiden Aspekten zu teilen, auch weil ich gespannt bin, ob es vielleicht noch mehr Menschen gibt, denen in der Kunst oder Literatur bereits Ähnliches aufgefallen ist.

Ich denke einer der wichtigsten Gründe, weshalb sich (ich werde im Folgenden der Einfachheit halber zwischen historischen Romanen und alten Romanen unterscheiden*) historische Romane in ebendiesen Aspekten immer etwas anders lesen, als alte Romane ist, dass in diesen das Vergangene wesentlich weniger versteckt und alltäglich auftritt. Zwar hat das für uns als Leser unter Umständen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, immer etwas mehr über die entsprechende Zeit der Handlung zu erfahren, dennoch nimmt dieser doch vorhandene moderne Blickwinkel der Autor*in auf das erzählte, recherchierte Geschehen diesem oft die geschichtliche Glaubwürdigkeit.

Ein solcher historischer Kriminalroman mag bis in jedes Detail perfekt mit der damaligen Lebenswelt übereinstimmen und doch ist er eben nur die Reproduktion dieser Zeit und dies fällt verglichen mit alten Texten immer auf.

Dazu kommt die Tatsache, dass Dialog und Monolog nicht unterschätzt werden dürfen (etwas, das je nach Erfahrung der Autor*in im Bereich historischen Schreibens auch gut gelöst sein kann). Gerade, wenn man diesen bestimmten Stil älterer Werke gewöhnt ist, oder wenn ein historischer Roman inhaltlich nahezu perfekt historisch ist, ist es umso unpassender, wenn Figurenrede und Erzähler in ihrem jeweiligen Stil dieses Konstrukt nicht komplettieren können.

Das soll an dieser Stelle auf keinen Fall eine wirkliche Kritik den betreffenden Autor*innen gegenüber sein, denn ich selbst würde mir beispielsweise nicht zutrauen weder die Handlung, noch die Figuren annähernd historisch korrekt auftreten zu lassen. Vielmehr handelt es sich dabei lediglich um eine kaum lösbare Auffälligkeit, die historische Romane von alten Romanen abgrenzt.

Ich habe bereits zu Beginn dieses Kommentars angesprochen, dass sowohl alte, als auch historische Texte gut dazu geeignet sein können, mehr über ihre Zeit zu lernen. In diesem Punkt haben sicherlich beide Bereiche ihre Vorzüge, die Informationsketten unterscheiden sich trotzdem. Während es der alte Roman in seiner Handlungszeit (vor allem wenn er in der damaligen Moderne spielte) dem Leser erlaubt direkt durch die Beschreibungen der Autor*in zu lernen, tritt die Autor*in im historischen Roman vielmehr als Vermittlerin zwischen Wissen über die Handlungszeit und Leser*in auf.

Mein persönlich größter Kritikpunk an vielen historischen Romanen und gerade den Kriminalromanen dieser Art ist, dass immer die Gefahr besteht, die Figuren der Handlung zu Klischees verkommen zu lassen. Da ich nun selbst ein Mensch des 21. Jahrhunderts bin, steht es mir natürlich nur bedingt zu, Thesen aufzustellen, die den Alltag der Figuren historischer Romane angehen, dennoch werde ich beim Lesen dieser oft stutzig, wenn es immer nur dieses eine in die Zeit passende Thema gibt, welches jede Figur zu beschäftigen scheint und wenn alle Figuren in der passenden Ästhetik, oder dem komplett korrekten Stil auftreten.

Dies führt dazu, dass ein historischer Roman mit viel Potential zu einer homogenen Masse seiner angestrebten Zeit wird, es nimmt dem ganzen leider oft Reiz und Charme.

In vielen alten Romanen ist es viel ehr so dass Dekaden gewissermaßen in sich heterogen auftreten. Bestimmte Figuren, Orte und Handlungen, obwohl sie Kinder ihrer Zeit sind, grenzen sich ganz natürlich voneinander ab. Denn Zeit ist nun einmal relativ und es gibt kein Jahrhundert, keine Stunde und keine Minute, in der auf einmal alle Aspekte einer Realität das Licht der Welt erblickten.

Vielen Dank für eure Zeit!

Grüße, Leonie 🙂

*historische Romane = moderne Romane mit historischer Handlung

4 Kommentare

  1. Hallo Leonie,
    deine Beobachtung finde ich interessant – danke für den Gedankenanstoß! Vielleicht sollte man viel mehr Altes lesen, bevor man anfängt, selbst einen historischen Roman zu schreiben. Ich hab das bei meinem aktuellen Projekt sogar ein bisschen versucht und mich ein Stück weit durch den „Parzival“ gearbeitet 😉 Ich will um alles in der Welt keine Klischees reproduzieren, aber gleichzeitig sollen die Figuren ja nicht so doll von der angeblichen damaligen Norm abweichen, dass sie wieder unrealistisch werden. Gar nicht so einfach!
    Viele liebe Grüße und dir eine schöne Woche!
    Tala

    1. Hallo Tala,

      ich finde das auch wirklich wahnsinnig interessant, sich darüber auszutauschen! Vor allem freue ich mich über deinen Kommentar, weil ich jetzt die Möglichkeit habe, das Ganze auch aus Autorenperspektive zu sehen (Danke dir :)). Deinen Ansatz, alte Texte als Vorbereitung für das Schreiben zu nutzen, finde ich super!

      Liebe Grüße und dir auch eine schöne Woche!
      Leonie

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