“Picnic at Hanging Rock” & Die Faszination des Unergründlichen

Picnic at Hanging Rock (1975)

Der, wie ich mir habe sagen lassen, Top Klassiker der australischen Film- und Literaturgeschichte, „Picnic at Hanging Rock“ aus dem Jahr 1975 fand am letzen Wochenende auch endlich seinen Weg auf meinen Bildschirm.

Die Handlung des Films basiert auf dem 1967 erschienenen Roman gleichen Namens von Joan Lindsay und spielt sich am Valentinstag 1900 in einem Mädcheninternat nah des australischen Busches ab. Genauer: An der berühmten Felsformation „Hanging Rock“

An eben diesem Valentinstag machen einige Schülerinnen des Internats gemeinsam mit zwei Lehrerinnen einen Ausflug zum Hanging Rock und planen dort den Nachmittag zu verbringen. Im Laufe des Tages lösen sich vier Schülerinnen vom Rest der Gruppe, um den Fels – eingenommen von dessen natürlicher Anziehungskraft – zu erkunden.

Nur eine der vier Schülerinnen wird an diesem Tag wieder zu ihrer Gruppe zurückkehren.

Picnic at Hanging Rock | Soundtrack

Eine wahre Begebenheit?

Leider, und ich bin mir durchaus bewusst wie „leider“ als Formulierung in diesem tragischen Kontext klingt, basiert „Picnic at Hanging Rock“ nicht auf einer wahren Begebenheit. Ich sage „leider“, denn im Laufe der Handlung und gerade im ersten Teil des Filmes möchte man fast schon in die dargestellte Welt um den Feld entfliehen. Das Picknick der Schülerinnen am Hanging Rock umgeben von Natur, momentaner Zeitlosigkeit und fließender Musik im Schatten des Fels ist wunderbar ästhetisch darstellt.

Der Reiz des Ganzen ist so groß, dass man das Verschwinden der Mädchen den ganzen Film über einfach nicht verstehen kann und dass selbst im Nachhinein das, was romantische Scheinwelt zu seien scheint, trotz allem an Charme, Faszination und Anziehung nicht einbüßt.

(Auch muss ich als großer Fan historischer gelöster oder ungelöster Mordfälle und Verbrechen zugeben, dass es meiner morbid-romantischen Faszination mit „Picnic at Hanging Rock“ einen – tja – einen aquired taste zum Beigeschack gegeben hätte, hätte ich gewusst, dass es sich bei der Handlung nicht nur um die kreative Engergie Joan Lindsays gehandelt hätte.)

„Besser als jeder Horrorfilm“

Ich fand einen Kommentar der den Übergang von der ästhetischen Picknick-Szene, über die verträumte Wanderung der Mädchen durch Hanging Rock, bis hin zu dem abrupten Verschwinden als „besser als jeder Horrorfilm“ beschrieb. Es fällt mir persönlich nicht schwer diese Einschätzung nahzuvollziehen, denn wenn ich einen Horrofilm sehe, dann mit einer gewissen Anspannung von Beginn an, doch „Picnic at Hanging Rock“ schafft es eine solche Anspannung absolut ungreifbar zu machen, während man gleichzeitig rational weiß, dass doch etwas passieren wird. Die eigene Naivität wird erscheckend sichtbar.


Das Unergründliche

Die letzten Tage habe ich damit verbracht, zu versuchen, zusammenzufassen worin genau meine Faszination mit „Picnic at Hanging Rock“ ihren Ursprung findet: Es ist das Unergründliche.

Was geschah? Was ist Schicksal? Was ist Zeit? Was ist Tragik? Was ist Romantik? Was ist Naturgewalt? Was ist Hanging Rock?

Ich möchte an dieser Stelle einige Antwortmöglichkeiten vorstellen, auch wenn es nur grobe Versuche sind, die Unergründlichkeit von „Picture at Hanging Rock“ anzuskizzieren.

Was ist Schicksal?

Nicht alle Schülerinnen des Internats nahmen an dem Ausflug zum Hanging Rock teil, eine Schülerin, ein Waisenkind, musste zurückbleiben. Kurz vor Ende der Handlung lernt der Zuschauer ihren verloren geglaubten Bruder kennen, der an dem Nachmittag des Picknicks ebenfalls am Hanging Rock war. Die Schülerin wird ihren Bruder nie kennen lernen, denn sie starb bei einem Sturz aus einem Zimmerfenster im Internat. Die engste Freundin der verstorbenen Schülerin war eines der Mädchen, das am Fels verschwand.

Was ist Zeit?

Auf den ersten Blick wird Zeit in „Picnic at Hanging Rock“ lediglich angedeutet, denn als die Gruppe am Fels ankommt sind alle Uhren stehen geblieben. Im Zuge des Film fällt jedoch auf, dass die Zeit immer genau dann „fehlt“, wenn gerade ein bedeutender Aspekt der Handlung geschehen ist. Die verlorene Zeit wird erst dadurch ersetzt, dass es bestimmte Aspeke der vergangenen Zeit in die Gegenwart der jeweiligen Handlung geschafft haben. Ebenso wie die Figuren, sieht auch der Zuschauer die verschwundenen Mädchen nie wieder und auch das eigentliche Verschwinden wird nie gezeigt.

Erzählzeit und erzählte Zeit weichen gerade dann besonders voneinander ab, wenn man erwarten würde, dass sie jetzt doch übereinstimmen sollten, das in diesem Moment der perfekte Moment der Übereinstimmung gegeben wäre.

Die Unergründlichkeit liegt hier nicht im zeitlichen Ablauf an sich, dieser ist sogar relativ problemlos nachvollziehbar, sondern in den nie geklärten Fragen um die Momente, in denen etwas geschehen sein MUSS. Man weiß wo diese Momente zeitlich einzuordnen sind, aber der Unterschied zwischen einem greifbaren Zeitsystem (einer Art Zeitplan, den man notieren könnte) und einer Zeitgeschichte wird deutlicher denn je.

Wie ist Naturgewalt?

Der bedeutendste Aspekt, der das Unergründliche Motiv von „Picnic at Hanging Rock“ für mich besonders ausmacht ist, dass am Hanging Rock Menschen immer wieder auf unerfahrbare natürliche Erhabenheit stoßen. Ich habe noch nie einen Film gesehen, der diese Tatsache so porträtieren und auffangen konnte.

„Das Erhabene wie das Schöne ist durch die ganze Natur verschwenderisch ausgegossen, und die Empfindungsfähigkeit für beides in all Menschen gelegt; aber der Keim dazu entwickelt sich ungleich, und durch die Kunst muß ihm nachgeholfen werden.“

(Friedrich Schiller)

Darüber hinaus kann ich jedem auch nur wärmstens empfehlen einmal einen Blick auf den Soundtrack zu „Picnic at Hanging Rock“ zu werfen, das Buch zu lesen oder den Film (1975) anzusehen.

Beste Grüße!

Qingdao – „China light“ und die Fliegerei

Der erste Flieger von Qingdao

In Qingdao, ehemalige Kolonie Tsingtao, geht die deutsch-chinesische Vergangenheit bis zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Grundsteine des langjährigen Militarstützpunktes gelegt wurden, der zu Beginn die Sicherheit der deutschen Unternehmer in der jungen Kolonie garantieren sollte und im Laufe der Zeit und unter Verwendung sogenannter „Pachtverträge“ zu einem der wichtigsten Knotenpunkte des damaligen Deutschlands in den Osten wurde.

Über wochenlange Land- und Seewege schlugen sich Tausende in der Hoffnung nach einem neuen Anfang und wirtschaftlichem Erfolg oder aufgrund militärischer Order nach Qingdao durch und auch als sich die erste Generation Kolonisten im Osten eingelebt hatte blieben diese Handelswege von großer Bedeutung, denn der aufwändige Lebensstil wollte entsprechend versorgt werden und so schickte man munter und kompakt verpackt Möbel, Kleidung oder Rohstoffe von Deutschland nach Qingdao.

(Quelle: unsplash)

Franz Oster und seine Rumpler-Taube

An solche logistischen Dimensionen gewöhnt, wird es theoretisch kaum jemanden verwundert haben, als ein gewisser deutscher Unternehmer, der es in China zu Bekanntheit und Erfolg gebracht hatte, im Jahr 1911 eine kleine, schwachmotorige, Maschine aus den Rumplerwerken nach Qingdao verfrachten lies. Theoretisch, denn damals befand man sich an einem Punkt der Weltgeschichte, an dem Mobilität an Land, See und Luft ihren Kampf um Effizienz noch nicht ausgefochten hatten und so schickten Hobbypiloten ihre Flieger eben durchaus auch per Seeweg um die Welt.

Praktisch erregten die fliegerischen Bemühungen Franz Osters doch recht große Aufmerksamkeit. Groß genug jedenfalls, als dass man bis heute über Berichte mehrerer Zeitschriften Osters Weg zum ersten Flieger Qingdaos nachvollziehen kann.

Ob Wright und Whitehead, Deroche und Earhart oder eben Plüschow und Oster, es ist ein Phänomen der Luftfahrtgeschichte, fast ein ungeschriebenes Gesetz, dass die bekanntesten Pioniere selten die ersten waren. Gunther Plüschow war Marineoffizier in Qingdao und startete ab 1914 während des Krieges und der Belagerung der Stadt diverse Aufklärungsflüge und militärische Missionen mit seiner Maschine. Er konnte während des Ersten Weltkriegs und im Zuge mehrerer Gefangenschaften in einer Odysee um die halbe Welt seinen Weg zurück nach Deutschland finden und schrieb anschließend ein autobiographisches Werk über seine Erlebnisse: „Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtao“.

Das war genug um Gunther Plüschow für viele auch zum „Ersten Flieger von Tsingtao“ zu machen, doch Fakt ist, dass er diesen Titel um einen Vorsprung von knapp einem Jahr an Franz Oster verloren hatte.

Franz Oster startete in seiner eigens verschifften Rumpler-Taube ab dem 9. Juli 1913 regelmäßig und recht erfolgreich Pionierflüge rund um Qingdao. Zwar reichten weder die lokalen Wetterverhältnisse noch die Konstruktion der damals so beliebten Rumpler-Taube für großartige Strecken – oder in den meisten Fällen mehr als einem Passagier, dem Piloten – aus, dennoch hatte Frau Oster das Glück, die erste Frau gewesen zu sein, die Qingdao jemals von oben sah.

Qingdao Heute – Zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Heute kommt man über die Verbindung Frakfurt-Qingdao innerhab einiger Stunden per Luftlinie in die Stadt.

Als ich 2017 zum ersten Mal durch den Qingdao Liuting International Airport lief und anschließend die rund 40 Minuten Fahrt vom Flufhafen zum alten Hafen und schließlich zur wesentlich moderneren Waterfront mit Hotels, Restaurants und typischem Night Market zurücklegte musste ich an die Aussage eines befreundeten Piloten denken: „Qindao ist China light.“

Das moderne Qingdao (Quelle: unsplash)

Dieser Vergleich ist nicht vollkommen falsch, denn die chinesische Millionenstadt erlebt man – verglichen mit anderen asiatischen Metropolen – ungewöhnlich gemütlich.

Als Liebhaberin historischer Architektur ging ich schließlich einer Empfehlung nach, nach der es in einem ehemaligen Offiziersheim bei der früheren Residenz des deutschen Gouverneurs nicht nur die Möglichkeit gibt einen Einblick in Spuren der Vergangenheit zu erhalten, sondern auch die Aussicht auf guten Kaffee und Desserts. (Eine Tatsache, die ich auf der Suche nach einem Empfehlungslink bis heute nicht beweisen konnte, vielleicht also sogar ein wirklicher „Geheimtipp“).

Ich kann jedem, der gerne einen Einblick in historische Überbleibsel wirft nur empfehlen einmal etwas durch das alte Viertel Qindaos zu wandern, denn viele dieser Gebäude werden heute zwar für moderne Zwecke, wie beispielsweise Büchereien oder Kinos, verwendet können darüber hinaus aber eben auch völlig ohne Anmeldung oder Museumskarte besichtigt werden und bieten dabei immer wieder Informationen über die Vergangenheit.

Es ist wirklich überraschend zu sehen, wie sehr sich die alte Architektur in Qindao von dem modernen China unterscheidet und in einigen Teilen der Stadt könnte man auf den ersten Blick wirklich meinen, man befinde sich in einer kleinen verschlafenen europäischen Hafenstadt der frühen 1910er Jahre.


Vielen Dank für eure Zeit! Ich wünsche euch eine schöne Woche!


Quellen, Links und Interessante Texte:

Qingdao (Wikipedia)

Gunther Plüschow (Wikipedia)

Archivführer – Deusche Kolonialgeschichte

Franz Oster – Der erste Flieger von Tsingtao

Der erste Flieger von Tsingato: Franz Oster (1869 – 1933) – Eine biographische Skizze zusammengestellt von Wilhelm Matzat, 2009

Wilhelm Matzat (Wikipedia)

Fünf Frauen, die Luftfahrtgeschichte schrieben (Aero Telegraph)

Berühmte Fliegerinnen – Élise Léontine Deroche

Aufschwung und Absturz der „Taube“ (Deutsches Museum)

Ehemalige Residenz des Gouverneurs

„Gentleman Jack“ Anne Lister – Meine Leseempfehlungen

Zu meinen liebsten, weniger bekannten, Persönlichkeiten der Geschichte gehört definitiv Anne Lister.

Anne Lister lebte im viktorianischen England und machte sich durch ihre überlieferten Tagebuchaufzeichnungen bis heute einen Namen in der Weltgeschichte und gerade auch in der LGBTQ+ Community.

Die Bekanntheit hat vor allem einen Grund, denn Anne Lister, genannt „Gentleman Jack“, war, was die Erwartungen ihrer Zeit an eine Dame anging, alles andere als konform. Sie reise viel, las viel, hatte ein großes Interesse an Medizin und Anatomie und „heiratete“ Anne Walker im Jahr 1834 in der Holy Trinity Church in York.

Neben Anne Listers Biographie an sich sind es gerade die zugehörigen Tagebucheinträge, die überhaupt erst dazu führten, dass ich heute diesen Blogbeitrag schreiben kann. Statistisch betrachtet gehören ihre Aufzeichnungen, die sie seit jungen Jahren in eigens dafür gefertigten Tagebüchern anfertigte, zu den längsten fortlaufenden historischen Kommentaren der Geschichte. Teile der Tagebücher sind darüber hinaus außerdem chiffriert geschrieben und wurden erst Stück für Stück entschlüsselt.

Da ich grundsätzlich eine große Liebhaberin historischer, originaler Aufzeichnungen bin, wird es nicht überraschen, dass ich bereits einige Bücher rund um Anne Listers Leben und Tagebücher verschlungen habe, die ich alle aus unterschiedlichen Gründen empfehlen kann.

Grundsätzliche halte ich für sinnvoll zwischen zwei Arten der biographischen Darstellung rund um Anne Lister zu unterscheiden, denn zum einen gibt es solche Bücher, die ihr Leben größtenteils biographisch und erzählerisch darstellen und solche, die sich stärker an den originalen Tagebücher orientieren.

„Anne Lister – Eine erotische Biographie“ (Angela Steidele)

„Anne Lister – Eine erotische Biographie“ gehört zu den biographischen Werken um Anne Lister und stellt ihr Leben vor allem aus der Perspektive Dritter dar. Während das einerseits ein guter Weg ist um viel über das Leben Listers zu erfahren, bleiben ihre eigentlichen Gedanken und Lebenseinstellungen, von denen gerade die Tagebucheinträge profitieren, leider außen vor.

Dennoch gibt diese Art der Erzählung einen guten Einblick darauf , wie Anne Lister zu Lebzeiten von vielen gesehen werden musste, eine Tatsache, die wiederum in den Tagebüchern oft vergessen wird.

Trotz allem finde ich es schade, dass viele der Kritikpunkte die in „Anne Lister – Eine erotische Biographie“ angesprochen werden, durch das autobiographische Werk Anne Listers, in dem sie sich vielen dieser Kritikpunkte sogar selbst bewusst ist, eine Erklärung finden könnten.

„The Secret Diaries of Miss Anne Lister – I Know My Heart“ (Helena Whitbread, Anne Lister)

Dieses Buch gehörte zu den ersten, in denen die Tagebücher Anne Listers neu aufbereitet und dargestellt wurden.

Größtenteils besteht „The Secret Diaries of Miss Anne Lister – I Know My Heart“ aus originalen Aufzeichnungen von Anne Lister, die teilweise durch biographische Erklärungen und Zusammenfassungen komplettiert werden.

Für mich persönlich war dieses Buch das beeindruckendste und interessanteste über Anne Lister. Es war nach Angela Steideles Biographie das zweite, welches ich gelesen hatte und gerade die originalen Tagebuchabschriften faszinierten mich besonders.

Sollte ich eine spezielle und nur eine Leseempfehlung abgeben, würde ich mich für dieses Buch entscheiden, denn es gibt dem Leser einen perfekten Einblick in das Leben, das Umfeld und den Werdegang Anne Listers.

Auch die folgenden Leseempfehlungen um Anne Lister basieren erzählerisch auf dem gleichen Prinzip, wie „The Secret Diaries […]“ und sind aus denselben Gründen höchst empfehlenswert.

„The Secret Diaries of Miss Anne Lister – No Priest but Love“ ist gewissermaßen die Fortsetzung des ersten Werks um Anne Lister von Helena Whitbread.

„Gentleman Jack: The Real Anne Lister“ wurde von Sally Wainwright und Anne Choma verfasst und im Zuge der Serie „Gentleman Jack“ herausgegeben.

Da beide Autorinnen in großen Teilen mit den Originaltexten arbeiten und eng an der filmischen und textnahen Umsetzung des autobiographischen Werks beteiligt sind, gibt dieses Werk einen besonders guten Einblick in die Gedankenwelt Anne Listers.

Neben meiner ersten großen Empfehlung wäre „Gentleman Jack: The Real Anne Lister“ sofort meine nächste Wahl.

Ich hoffe ich konnte mit dieser kleinen Zusammenstellung einen guten Einblick in die literarische Welt rund um Anne Lister geben. Habt eine schöne Woche!

Alte Texte & Historische Texte – Ein Kommentar

Guten Morgen, ich hoffe Ihr hattet alle einen schönen Start in die Woche!

Ich hatte die letzten zwei Tage angenehmerweise wenig zu erledigen und konnte mein Wochenende somit größtenteils damit verbringen zu lesen. Im Zuge dessen bin ich – nachdem ich es mir vor Jahren gekauft hatte – endlich dazu gekommen Agatha Christies „Ordeal by Innocence“ zu lesen (Leseempfehlung!).

Dieser Kriminalroman, auf dessen Handlung ich hier garnicht weiter eingehen werde, denn wenn überhaupt hätte diese einen eigenen Blogbeitrag verdient, war der erste den ich seit Monaten gelesen habe und mir ist dabei eine Sache wieder besonders stark aufgefallen. Etwas, das ich bereits in der Vergangenheit beim Lesen diverser (Kriminal-)Romane vor allem unbewusst bemerkt habe.

Es gibt meiner Meinung nach einen unglaublich großen Unterschied zwischen modernen Kriminalromanen (und wie bereits kurz anskizziert natürlich auch Romanen im Allgemeinen), die in historischen Zeiten spielen und historischen Kriminalromanen, die in modernen Zeiten spielten und heute aufgrund ihres Alters historisch sind.

Meine Präferenz liegt deutlich bei Letzterem, was natürlich auch damit zu erklären ist, dass ich generell ein Freund alter Texte bin. In diesem Blogbeitrag möchte ich mir einmal die Zeit nehmen, meine Gedanken zu beiden Aspekten zu teilen, auch weil ich gespannt bin, ob es vielleicht noch mehr Menschen gibt, denen in der Kunst oder Literatur bereits Ähnliches aufgefallen ist.

Ich denke einer der wichtigsten Gründe, weshalb sich (ich werde im Folgenden der Einfachheit halber zwischen historischen Romanen und alten Romanen unterscheiden*) historische Romane in ebendiesen Aspekten immer etwas anders lesen, als alte Romane ist, dass in diesen das Vergangene wesentlich weniger versteckt und alltäglich auftritt. Zwar hat das für uns als Leser unter Umständen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, immer etwas mehr über die entsprechende Zeit der Handlung zu erfahren, dennoch nimmt dieser doch vorhandene moderne Blickwinkel der Autor*in auf das erzählte, recherchierte Geschehen diesem oft die geschichtliche Glaubwürdigkeit.

Ein solcher historischer Kriminalroman mag bis in jedes Detail perfekt mit der damaligen Lebenswelt übereinstimmen und doch ist er eben nur die Reproduktion dieser Zeit und dies fällt verglichen mit alten Texten immer auf.

Dazu kommt die Tatsache, dass Dialog und Monolog nicht unterschätzt werden dürfen (etwas, das je nach Erfahrung der Autor*in im Bereich historischen Schreibens auch gut gelöst sein kann). Gerade, wenn man diesen bestimmten Stil älterer Werke gewöhnt ist, oder wenn ein historischer Roman inhaltlich nahezu perfekt historisch ist, ist es umso unpassender, wenn Figurenrede und Erzähler in ihrem jeweiligen Stil dieses Konstrukt nicht komplettieren können.

Das soll an dieser Stelle auf keinen Fall eine wirkliche Kritik den betreffenden Autor*innen gegenüber sein, denn ich selbst würde mir beispielsweise nicht zutrauen weder die Handlung, noch die Figuren annähernd historisch korrekt auftreten zu lassen. Vielmehr handelt es sich dabei lediglich um eine kaum lösbare Auffälligkeit, die historische Romane von alten Romanen abgrenzt.

Ich habe bereits zu Beginn dieses Kommentars angesprochen, dass sowohl alte, als auch historische Texte gut dazu geeignet sein können, mehr über ihre Zeit zu lernen. In diesem Punkt haben sicherlich beide Bereiche ihre Vorzüge, die Informationsketten unterscheiden sich trotzdem. Während es der alte Roman in seiner Handlungszeit (vor allem wenn er in der damaligen Moderne spielte) dem Leser erlaubt direkt durch die Beschreibungen der Autor*in zu lernen, tritt die Autor*in im historischen Roman vielmehr als Vermittlerin zwischen Wissen über die Handlungszeit und Leser*in auf.

Mein persönlich größter Kritikpunk an vielen historischen Romanen und gerade den Kriminalromanen dieser Art ist, dass immer die Gefahr besteht, die Figuren der Handlung zu Klischees verkommen zu lassen. Da ich nun selbst ein Mensch des 21. Jahrhunderts bin, steht es mir natürlich nur bedingt zu, Thesen aufzustellen, die den Alltag der Figuren historischer Romane angehen, dennoch werde ich beim Lesen dieser oft stutzig, wenn es immer nur dieses eine in die Zeit passende Thema gibt, welches jede Figur zu beschäftigen scheint und wenn alle Figuren in der passenden Ästhetik, oder dem komplett korrekten Stil auftreten.

Dies führt dazu, dass ein historischer Roman mit viel Potential zu einer homogenen Masse seiner angestrebten Zeit wird, es nimmt dem ganzen leider oft Reiz und Charme.

In vielen alten Romanen ist es viel ehr so dass Dekaden gewissermaßen in sich heterogen auftreten. Bestimmte Figuren, Orte und Handlungen, obwohl sie Kinder ihrer Zeit sind, grenzen sich ganz natürlich voneinander ab. Denn Zeit ist nun einmal relativ und es gibt kein Jahrhundert, keine Stunde und keine Minute, in der auf einmal alle Aspekte einer Realität das Licht der Welt erblickten.

Vielen Dank für eure Zeit!

Grüße, Leonie 🙂

*historische Romane = moderne Romane mit historischer Handlung

Über den Text hinaus – Mord im Orient Express

In meiner Rubrik „Über den Text hinaus“ behandle ich all jene Themen, die offensichtlich oder im Entferntesten die Literatur betreffen könnten. Besonders oft endet dies in Biographien und weiteren Medien. Heute dem Film.

Meine Obsession mit Agatha Christie lässt sich bereits Jahre zurückverfolgen und begann mit den klassischen schwarz-weiß Miss Marple Filmen und der wunderbaren Margaret Rutherford. Während ich also die Originalwerke Christies überaus schätze, ist nicht zu leugnen, dass es mir gerade auch die filmischen Umsetzungen dieser besonders angetan haben. (Was interessant ist, denn damit gehört eine meiner liebsten Autorinnen gleichzeitig auch zu den wenigen, deren Verfilmungen ich manchmal doch den Texten bevorzuge.)

Die Neuverfilmung von „Mord im Orient Express“ mit Schauspielgrößen wie Kenneth Branagh, Judi Dench und Johnny Depp kam bereits 2017 in die Kinos und es kostete mich nun fast vier Jahre Überwindung, den Film endlich selbst zu sehen. Der Hauptgrund für die so entstandene Lücke in dem Lebenslauf meiner Wertschätzung gegenüber Agatha Christie und ihren Werken war tatsächlich vor allem die Befürchtung, der neue „Mord im Orient Express“ würde mir die Freude an dem alten verderben. Dem war nicht so!

Bereits nach den ersten fünf Minuten hatte mich die Atmosphäre des Films in ihren Bann gezogen. Ich war begeistert von Kenneth Branagh als Hercule Poirot und auch die anderen Figuren, sowie die gesamte Inszenierung und die gewaltigen Bilder machten „Mord im Orient Express“ für mich schnell zu einem neuen Lieblingsfilm. Ich möchte an dieser Stelle auch garnicht zu sehr ins Detail gehen, was die Analyse der gesamten Gestaltung des Film angeht, vor allem weil ich es schlichtweg nicht kann. Weder sehe ich viel fern, noch bin ich bei den Neuigkeiten Hollywoods immer auf dem aktuellen Stand, es ist also zum einen sehr leicht mich mit Filmen zu beeindrucken, zum anderen ist mein Maßstab eines guten Films größtenteils auf die Wirkung dessen auf mich persönlich fokussiert.

Im Folgenden möchte ich euch also einmal kurz die Details und Merkmale von „Mord im Orient Express“ vorstellen, die den Film für mich so besonders machten:

Patrick Doyle

Der Komponist des Soundtracks sagte über Filmmusik einmal „[…] it should be able to, away from the picutre, conjure up the same sort of feelings and images that it was meant to on screen.“ Er ist diesem Grundsatz treu geblieben!

Poirot – Genius, Gestik und Sprache

Natürlich bin ich in dieser Hinsicht insofern voreingenommen, als das ich schon immer ein großer Fan des „Greatest Detective“ war, aber mit einer solchen Einschätzung kommt immer auch eine besondere Erwartungshaltung und diese konnte von Hercule Poirot in „Mord im Orient Express (2017)“ definitiv erfüllt werden. Ich wage fast zu behaupten, dass er zu meinem neuen „Lieblingspoirot“ geworden ist. Zu dieser unbewussten Entscheidung kam ich gegen Ende des Films, denn meiner Meinung nach gehörte der Monolog Poirots zu den bedeutungsgewaltigsten Szenen des ganzen Films. (Unerfahrene Filmkritiker* würden sagen „zu den besten Szenen der Filmgeschichte“.)

*Ich

Die Ästhetik

Jeder der mich etwas besser oder länger kennt, weiß das „Ästhetik“ zu meinen meist genutzten Wörtern überhaupt gehört. Wenn ich also die Ästhetik eines Films oder Romans schätze, ist das eines der größten Komplimente, das ich geben könnte. In diesen Fällen fließt in die ästhetischen Qualitäten für mich noch viel mehr ein, als beispielsweise ein bestimmter Kleidungsstil. Es ist das Zusammenspiel aller künstlerischen und stilistischen Elemente von „Mord im Orient Express“, ob Maske, Musik, Figuren, Umsetzung oder Dialoge, welches für mich perfekt war.

Vielen Dank für das Lesen! Ich wünsche euch allen eine schöne Woche 🙂