Guter Stil als DIN Produkt

„Ich geb’ dir gleich veraltete Sprache, du NARR!“*

…war meine exakte, eventuell leicht übertriebene, Reaktion auf die liebevolle Anmerkung meines Textverarbeitungsprogramms, ich solle doch vermeiden „veraltete Sprache“ zu verwenden.

Ich finde es erstaunlich, dass die von digitalen Dienstleistungsprogrammen kommerzialisierte Vereinheitlichung sich mittlerweile anmaßt, wissen zu wollen, was Stil ist.

Das denke ich weder, weil ich einen grundsätzlichen Hass auf digitale Dienstleistungsprogramme hege (ganz im Gegenteil) noch, weil ich meinen eigenen Stil als so toll und über jeglicher Kritik schwebend ansehe.

Stil ist jedoch eine Frage des Moments und des Geschmacks.

Ich könnte einer Software zwar noch zutrauen, ersteres in einer Vielzahl von Fällen annehmbar korrekt zu erkennen, aber ich traue keiner Software dieser Welt wirklichen Geschmack oder irgendeine Form tiefgreifenden Stilgefühls zu.

Auch lebt Stil eben von einer heterogenen Mischung aus Ecken und Kanten, bewusster und unbewusster Wortwahl, fixen Ideen…
Das fällt weg, wenn nachträglich mit einer Sense normierter Textanforderungen darüber geschnitten wird.

Beste Grüße
Leonie

Die „veraltete Sprache“, um die es sich handelte, war übrigens „selbiges“. Statt der archaischen Wortwahl werde ich an dieser Stelle aus Platz- und Zeitgründen vermeiden, darauf einzugehen, was ich davon halte.

*Ich lade den Leser ein, hier den inneren Torsten Sträter als Vorleser zu bemühen.

Lieblingsphänomene der Literatur

Moin,

Ein Motiv, das ich einfach immer wieder liebe, bedarf einer etwas längeren Einleitung.

Zum ersten Mal aufgefallen ist es mir in der 1985er-Verfilmung von Agatha Christies „Ein Mord wird angekündigt“. (Den Stil dieser Verfilmung würde man mittlerweile wahrscheinlich als „cottage core crime“ bezeichnen; was hier eine Empfehlung soll)

In „Ein Mord wird angekündigt“ gibt es unter anderem zwei liebevoll dargestellte Damen: Hinch und Murgatroyd, die gemeinsam eine kleine Farm betreiben.

Zuerst fand ich diese Szene einfach sehr hübsch.

Dann weiß ich nicht, wieso es genau dieser Moment war, aber ich habe angefangen darüber nachzudenken und schließlich recherchiert, ob es häufiger geschah, dass sich zwei ältere Damen zusammentaten, um (jetzt vielleicht nicht im Speziellen eine Farm zu gründen oder aufrechtzuerhalten) ein Lebensprojekt gemeinsam anzugehen.

(Diese Suche führte mich schlussendlich eventuell zu dem Kultobjekt der Lesbenszene: Der Boston Marriage, ganz sicher bin ich mir auch nicht mehr)

Aber das war bei mir schlussendlich Auslöser dafür, dass ich angefangen habe, mir bei fast allem, was ich lese (und ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Blickwinkel auf Literatur für mich gefunden habe, weil ich seitdem an fast jedem Buch Freue finden kann), die Frage nach dem schaffenden und dem beobachtendem Autor zu stellen (oder sonstigen Vermischungen und Zwischenräumen, die sich zwischen diesen beiden Konzepten entwickeln können).

Das sind zwei Arten sich zu erklären, wie es zu bestimmten Motiven oder Figuren kam, die man in Büchern schätzen gelernt hat.

Das eine ist die Idee von:

„Hier hat sich gerade der Autor hingesetzt und diese eine Idee umgesetzt, ihr Leben eingehaucht und sie dann auch noch so eingeflochten, dass man sie in diesem Buch findet, auch wenn sie vielleicht nur ein Nebencharakter, ein kleines Detail, war. Es entsteht diese kleine Welt, geschaffen in ein paar Seiten.“,

aber die andere Möglichkeit, die es gibt (die ich manchmal besonders mag, weil man niemals ganz sicher sein kann, ob das wirklich der Fall war) ist der beobachtende Autor.

Bleiben wir bei dem Beispiel der beiden Damen von eben. Vielleicht hat Agatha Christie selbst irgendwann einmal eine Geschichte gehört, von zwei Damen mittleren Alters, die diese kleine Farm in diesem kleinen Dörfchen haben, einen Hund, ein paar Hühner, alles „utterly charming“ und so weiter. Vielleicht hat Christie das so in ihre Story übernommen. Und schon wurden zwei Damen aus einem kleinen englischen Dorf literarisch unsterblich.

Und das sind zwei Herangehensweisen an Literatur, die für mich jedes Buch zu einer Besonderheit machen können.

Agatha Christie und die Kunst des Kriminalromans

07.01.22 | Agatha Christie und die Kunst des Kriminalromans

Zu Weihnachten habe ich von meinem Bruder einen Thalia Gutschein geschenkt bekommen, wodurch ich die Gelegenheit hatte spontan zwei, drei Bücher zu kaufen, ohne mir zuvor zu überlegen, was eigentlich gerade auf meiner Liste steht. (Nicht, weil ich das sonst nicht auch könnte, sondern weil ich Gutscheine gerne auch dafür hernehme, mich mit einer Kleinigkeit sozusagen zu überraschen)

Am Ende bestand meine Ausbeute aus einem historischen Roman und zwei Kriminalromanen. Um den Roman („Die Dame hinter dem Vorhang“) soll es an dieser Stelle aber nicht weiter gehen.

Die Kriminalromane, das waren „Das Geheimnis der goldenen Schnalle“ und „Das Geheimnis von Sittaford“ von Agatha Christie.
Ein Geheimnis ist offensichtlich nicht die Titelsystematik der deutschen Christie Übersetzungen.

„Das Geheimnis der goldenen Schnalle“ habe ich gerade noch heute Nacht beendet. Mir ist bei beiden Roman wieder einmal aufgefallen, weshalb ich gute Krimis immer auch über ihre konkrete Handlung hinaus bewundernswert finde.

Was den Aufbau angeht, teilt der Kriminalroman sein Schicksal mit dem klassischen Thriller. Bei beiden weiß man doch recht genau wie es ausgehen soll, denn der Ausgangspunkt dafür wurde schon zu Beginn gesetzt. Es gibt ein Rätsel (meist einen Mord), also muss es auch etwas (meist eine Person, regelmäßig zwei, selten mehrere) dahinter geben. Das ist das Grundproblem.

Problem Nummer zwei ist Folgendes: Es ist selten sinnvoll einen Täter zu wählen, den der Leser erst in der letzten Seite kennenlernt. Ein guter Krimiautor muss es also irgendwie schaffen, mit möglichst früh auftretenden Charakteren Spannung aufzubauen und ihnen bei Bedarf passende neue Facetten anzudichten.

Da gibt es nun zwei Möglichkeiten, die die Grenzen eines allgemeinen Krimi-Handlungssprektrums stellen.

1. Die Vorabend-Krimi Deklination:

Der Täter wird hier bereits zu Beginn (als Angehöriger oder Verdächtiger) vorgestellt, dann jedoch abwechselnd von anderen Verdächtigen mit stichhaltigeren Beweisen abgelöst, um anschließend durch einen neuen schockierenden Beweis doch überführt zu werden.

(Der sehr gute Krimiautor hebt sich bei der Vorabend-Krimi Deklination übrigens dann leicht von seinen Kollegen ab, wenn er es schafft, das Motiv des Täters so zu gestalten, dass es gerade so überraschend kommt, dass es der aufmerksamste Leser oder Zuhörer mit viel Kreativität doch noch hätte erkennen können.)

2. Die ratlose Masse:

Kurz: Alle sind verwirrt und sich dessen auch bewusst. Die Reihenfolge, nach der die Charaktere vorgestellt werden, erlaubt keine Hinweise darauf, wer wahrscheinlicher Täter war oder nicht. Besonders ist vor allem, dass der Ermittler lange Zeit selbst wissentlich im Dunkeln tappt.

In beiden Kategorien aber entstehen Erwartungshaltungen, denn der versierte Leser wird diese Strukturen erkennen und mit neuen Mustern ausgearbeitet sehen wollen.

Das Problem entstand für mich bei „Das Geheimnis von Sittaford“

In diesem Roman wurde die Vorabend-Krimi Deklination sehr simpel eingebaut.
Wen man zuerst kennenlernte, war Täter. An sich ist das immer noch der beste Weg zum Klassiker. Problematisch wurde es aber mit der Auflösung. Nachdem ich alle Figuren relativ ereignislos kennengelernt hatte, habe mich auf eine phänomenale Agatha Christie typische Auflösung à la „Mord im Orient Express“ oder „And then there were none“ gefreut, aber als es gerade spannend wurde, wurde der Täter einfach als der Herr vom Anfang entlarvt. So viel verschenktes Potenzial.

In „Das Geheimnis der goldenen Schnalle“ wurde das Ganze jedoch wieder sehr, sehr schön gelöst

…und es hat unglaublich viel Spaß gemacht zu lesen.

Es zeigt sich offensichtlich wieder, dass es erfolgversprechend ist, wenn den ungeschriebenen Regeln des Kriminalromans durch den Autor irgendwo Folge geleistet wird. Schließlich hat man auch nur eine gewisse Menge von Charakteren, mit denen man spielen können muss.

Die Schlange im Wolfspelz

📕 Michael Maar – Die Schlange im Wolfspelz

In „Die Schlange im Wolfspelz“ stellt Michael Maar eine Vielzahl bedeutender Werke und Autoren der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte vor und nutzt diese als Beispiel und Beweis rund um die Frage „Wo beginnt eigentlich Stil und Literatur?“.


🔒 Gedanken zu diesem Werk bezüglich…

Leben & Denken:

Wer hat sich nicht schon mit dem Gedanken beschäftigt, wie Literatur von bloß Geschriebenem oder sogar schlechter Literatur abgegrenzt wird.

Ich habe immer nur – oder praktischerweise – sehr banale Antworten gefunden. Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“ schafft einen so tiefgreifenden Blick in die Literaturfrage, dass diese danach nicht unbedingt schneller, aber mit qualitativ hochwertigeren Anhaltspunkten diskutiert werden kann.

Den angesprochenen Themen und dem Genre:

In den einzelnen Kapiteln trifft man immer wieder auf neue, auf bekanntere und auf weniger bekannte Autoren, jeder einzelne mit einer persönlichen Daseinsberechtigung, einer persönlichen Geschichte und einem ganz eigenen Stil.

Michael Maars Humor ist dabei eine weitere Form unglaublich guten Stils im Denken und Schreiben.


🖇 Weiteres

Autoren & Werke zu ähnlichen Thematiken

  • Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, Klabund
  • Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943), Wolfram Eilenberger
  • Kulturgeschichte der Menschheit – Band 15, Will Durant & Ariel Durant

In „Die Schlange im Wolfspelz“ erwähnte Autoren und Werke, die mein Interesse weckten (Shortlist)

  • Rahel Levin
  • Marieluise Fleißer
  • Adalbert Stifter „Margarita“
  • Christine Lavant „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“

Was macht dieses Werk aus?

  • Humor, Wissen und Zeitgeist
  • Eine unendlich scheinende Recherchearbeit
  • Neue Ideen zu alten Konzepten der Literatur (siehe: die „Loriot-Probe“)

📌 Grunderkenntnisse & Ideen

  • Ein Werk lässt sich kaum, genauer gesagt gar nicht, von seinem Schaffer trennen.
  • Stil ist nicht nur ein gerne gesehener, überflüssig verschönernder, Aspekt eines Romans, sondern ein bedeutender Grundzug des Romans selbst.
  • Ein gutes literarisches Epos ist wie eine gute wissenschaftliche Arbeit, es bringt neue Erkenntnisse.
  • Schreibstil ist nicht gleich Denkstil ist nicht gleich Atmosphäre.
  • Humor wird unterschätzt, Thomas Mann auch.
  • Zuletzt: „Le style, c’est le poète même.“

📈 Lieblingszitate

„Darum ist es unsinnig, den Inhalt eines Gedichts oder Romans von seinem Stil abzulösen. Der Inhalt sei gut, vom Stil müsse man nicht sprechen – so geht das nicht in der Literatur. Es geht so wenig, wie es bei einem Musikstück ginge, von dem man sagte, bis auf die Noten sei alles prima.“

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 16

„Aber was macht ihn nun aus, den guten Stilisten? Eine mögliche Antwort wäre: Der Künstler will, wie die Wissenschaftler, die Welt nicht verlassen, ohne ihr eine winzige neue Erkenntnis mitgegeben zu haben. Und wenn keine Erkenntnis, dann eine Farbnote, eine Stimmung, irgendeinen Dreh, den es zuvor noch nicht gab.“

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 21

„Nietzsches Art der Interpunktion läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Hier schreibt ein Genie mit schwerem Aufmerksamkeitsdefizit.“

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 50

„Man müsse vom Idealismus nur ein klein wenig die Decke des Enthusiasmus heben, und es trete sein unmenschlicher Kern zutage. „Bei Schiller wird so entsetzlich leicht gestorben.““

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 176

Ein Gentleman in Moskau

„Ein Gentleman in Moskau“ – Amor Towles

📕 Das Werk

In „Ein Gentleman in Moskau“ wird ein russischer Graf fast zum Tode verurteilt, dann jedoch als mildere Strafe unter lebenslänglichen Hausarrest in einem moskauer Traditionshotel gestellt. Der Roman beschreibt ausgehend von dieser Figur das allgemeine Weltgeschehen, sowie das Gesellschaftsleben im Russland der folgenden Jahrzehnte.


🔒 Meine Gedanken zu diesem Werk bezüglich…

Meinem Leben & Denken

Wir müssen uns nicht um ständige Veränderung bemühen, in der Hoffnung unser Leben damit interessanter zu machen, denn eine solche Veränderung erleben wir bereits alleine durch unsere Existenz in der Welt. Ein interessantes Leben wird durch Begegnungen mit anderen aufgebaut. Es geht nicht primär darum, wie man seinen Horizont erweitert, solange man nur darauf achtet, dass es irgendeine Form gibt, in der das geschieht.

Den angesprochenen Themen

Es ist sicherlich leichter, die Problematik des Weltgeschehens und die damit einhergehenden schweren Schicksale anderer aus einer kleinen, abgesicherten, eigenen Welt zu ertragen. Eine dem entgegengesetzte schwerere Ebene scheint dem Werk zu fehlen.

Dem Genre

Einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr (oder sogar in diesem und dem letzten Jahr) gelesen habe. Ein Werk, das von seinen Personen lebt und nicht von einer Handlung. Ein Werk, das dabei dem Leser dennoch das Gefühl gibt, eine Zeitreise durch weltbewegende Geschehnisse erlebt zu haben. Die Handlung entsteht nicht durch das Handeln der Personen, sondern durch das Fühlen und Denken der Personen.


🖇 Weitere Fragen und Antworten

Vergleichbare Autoren & Werke

  • Colum McCann „Die große Welt“

📌 Umsetzbare Ideen

  • Der „Selbstwert“ ist eine sehr persönliche Angelegenheit
  • Man entdeckt sich nicht selbst, wenn man sich lediglich mit seiner Person beschäftigt
  • Wir halten das Zeitgeschehen nicht auf, aber wir können unseren eigenen Weg im Storm der Zeit finden
  • Freundschaften gehören zu den wichtigsten Schwerpunkten im Leben
  • Ein erster Eindruck ist nur ein erster Eindruck
  • Alles, womit man sich persönlich identifiziert, sollte immer mit einer gewissen Distanz betrachtet werden

📈 Lieblingszitate

Der Graf war stolz auf sein maßgeschneidertes Jackett, aber sein größerer Stolz war es zu wissen, dass ein Gentleman durch seine Haltung, seine Bemerkungen und seine Manieren Eindruck machte. Nicht durch den Schnitt seines Jacketts.

Towles, Amor. Ein Gentleman in Moskau: Roman (German Edition) (S.54). Ullstein eBooks. Kindle-Version.


Von Natur aus sind Menschen so launisch, so komplex, so herrlich widersprüchlich, dass sie nicht nur unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, sondern auch unsere wiederholte Betrachtung – und unsere feste Entschlossenheit, ein Werturteil zurückzuhalten, bis wir den Menschen in den verschiedensten Umständen und zu allen Tageszeiten erlebt haben.

Towles, Amor. Ein Gentleman in Moskau: Roman (German Edition) (S.155). Ullstein eBooks. Kindle-Version.


Möchte jemand an den Ort zurückkehren, der ihm einst lieb und teuer war und den er Jahrzehnte nicht gesehen hat, würden weise Stimmen ihm davon abraten.

Towles, Amor. Ein Gentleman in Moskau: Roman (German Edition) (S.556). Ullstein eBooks. Kindle-Version.


Vielen Dank für eure Zeit! Grüße, Leonie 🙂

0/5 Sterne

Hallo da draußen und willkommen zurück auf Literarisches!

Neulich habe ich in einem Instagram Post einen kurzen Beitrag – beziehungsweise einen kurzen Gedankengang, denn die Bildunterschriften von Instagram Posts eigenen sich leider nicht ganz so gut für allzu lange Textbeiträge – darüber geschrieben, wie sich meine Sicht zu Buchbewertungen und zwar vor allem zu sehr knappen Bewertungen in der Form klassischer „so und so viel“ von „so und so viel möglichen“ Punkten verändert hat.

Ich habe schon immer gerne alles mögliche sortiert, organisiert und katalogisiert, was mir in meinem Leben und meinem Alltag in die Quere gekommen ist und so ist es relativ offensichtlich, dass ich bereits seit Jahren jährliche Leselisten führe, in denen ich notiere, welche Bücher, Texte oder Zeitschriften ich in eben diesem Jahr gelesen habe.

Irgendwann zwischen 2017 und 2019 habe ich damit angefangen diesen Listen, die lange wirklich nur aus dem Titel der Texte bestanden, immer mehr Kategorien hinzuzufügen, mit dem Ergebnis, dass aus meinen Leselisten irgendwann ganze Tabellen und halbe Rezensionen wurden, ohne dass ich diese jemals wirklich weiter nutzte.

Zwar würden die ein oder anderen „Productivity Gurus“ nun vielleicht etwas einwerfen wie „Ist ja super, dann kannst du nach jedem Lesen gleich ganz einfach eine Rezension schreiben!!“, aber das sollte niemals das Ziel meiner Listen werden. Eine Leseliste ist für mich eben doch keine Blogbeitragschreibmaschine, sondern nur eine bescheidene kleine Liste der Bücher und Texte, die mich über ein Jahr begleitet haben.


Nachdem ich also im Laufe der Zeit immer weniger Freude daran fand meine Leseliste auszufüllen, begann ich zu hinterfragen, welchen Sinn die Vielzahl an Kategorien, die ich einem Buch in dieser zuordnete, überhaupt hatte.

Das Ziel dieser Kategorien im Allgemeinen ist eines, das ich bis heute sehr schätze und auch so weiter verfolge, denn ich mag es zu wissen, dass ich beispielsweise auf einen Blick sehen könnte, welche Bücher ich jemals (in den letzen Jahren jedenfalls) zu einem abstrakten oder konkreten Thema gelesen habe. Solche Sortiereungen machen mir zum einen einfach Spaß, haben sich aber zum anderen auch schon als sehr praktisch, zeitsparen und sinnvoll erwiesen.

Dennoch wurde mir auch klar, dass nicht jede dieser Kategorien wirklich notwenig ist um einen Überblick zu erhalten und ganz im Gegenteil, füge ich zu viele zu konkrete Kategorien hinzu, so entstehen genau diese thematischen Verbindungen irgendwann nicht mehr.


Die andere Kategorie, deren Sinn ich noch nie ganz verstanden hatte waren Sternebewertungen. Diese simplen und (natürlich ohne Frage) praktischerweise sehr konkreten Einteilungen von Büchern in verschiedene Punktekategorien, habe ich eigentlich nur übernommen, da ich sie bei so vielen anderen Viellesern und Apps wie Goodreads immer wieder gesehen hatte; also muss das ja wichtig sein, dachte ich mir.

Zwar eigenen sich solche Bewertungen sehr gut für Beiträge wie „Meine Top 10 Bücher 2021“ (was auch der Grund ist, weshalb ich diese Kategorie immer noch weiterführe), aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass für mich einfache Sternebewertungen von Texten eben doch nichts weiter sind als eine kurze, sehr intuitive oder unnötig verkomplizierte Einordnung, die uns aber nichts weiter sagt. Seitdem versuche ich viel mehr einen Text oder ein Buch über andere Grundlagen einzuschätzen und zu bewerten und von „ich mag es – ich mag es nicht“ Kategorien oder von der Skala von 0 bis zum perfekten Buch 5 immer weiter abzuweichen.

Denn gerade, weil ich persönlich dazu tendiere fast jedes Buch grundsätzlich zu mögen, einfach da es ein Buch ist, hatte ich schon immer Schwierigkeiten Texte auf diese Weise einzordnen. Außerdem, welchen Unterschied macht es schon, ob ich ein Buch mit 2 von 5, 3,5 von 5 oder 7 von 10 Punkten einordne?

Ich hoffe dieser Beitrag war interessant und unterhaltsam!

Vielen Dank fürs Lesen, ich wünsche euch eine schöne Woche!

Pioniere & Archivisten – Möglichkeiten mit Texten zu arbeiten

In den letzen Wochen habe ich mich sehr viel mit Lerntechniken, Sachliteratur und Büchern über das Leben und das Lernen befasst und im Zuge dessen bin ich zu einigen Schlüssen gekommen, die meinen Blick auf diese Themen – nicht komplett verändert, aber zumindest – wahnsinnig erweitert haben.


In der Überschrift spreche ich von „Pionieren“ und „Archivisten“, was das Ergebnis meines Versuches ist, das vereinfacht darzustellen, was ich euch in diesem Text vorstellen möchte.

Liest man viel aktuelle Sachliteratur, gerade im Bereich des „Lebensschule“ oder „Self Improvement“ Genres, fällt eines besonders auf: Die meisten Werke orientieren sich recht strukturiert an zwei klassischen Schemata: Informationen werden vorgestellt und Informationen werden mit neuen Gedanken verknüpft.

Mit dieser Tatsache befinden wir uns in dem Bereich, den ich in diesem Text den „Archivisten“ zuordnen möchte. Archivisten, stellen die Personen und Werke dar, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, oder deren Ziel es ist, bereits vorhandene Informationen zu sammeln und zwar auf eine Art und Weise, die es erlaubt, später aus dieser Sammlung eine neue Grundlage für Erkenntnisse, Gedanken und Informationen zu schaffen.

Die „Pioniere“ hingegen nutzen diese Grundlage, (wobei eine Sammlung oder Grundlage nie in dieser Rolle entstanden sein muss, denn auch beispielsweise ein Roman kann bereits Grundlage sein) um aktiv über sie hinauszugehen.

Man erkennt hier sofort, dass es niemals „reine Pioniere“ und niemals „reine Archivisten“ geben wird, denn die Grenzen sind unmöglich klar zu fassen. Wenn ich Informationen zusammentrage und verbinde, bin ich dann noch Archivist oder geht alleine schon das Erkennen einer Verbindung zwischen zwei gefundenen Aspekten, darüber hinaus und macht mich zum Pionier?

Der Punkt, den ich mit dieser Analogie jedoch ansprechen möchte ist, dass das Bewusstwerden dieser Zusammenhänge mir einen neuen Blickwinkel auf meinen Umgang mit Informationen im Allgemeinen gegeben hat. Alles, was wir in irgendeiner Form erfahren können, gibt uns immer sowohl die Möglichkeit Archivist zu sein, als auch die Möglichkeit Pionier zu sein und auch das Erfahrene selbst beruht wieder auf sammelnden und entdeckenden Bereichen.

Das sind ganze vier Sichtweisen, mit denen wir auf Informationen, Lesen und Lernen blicken können und sie lassen mich persönlich den Wert dessen umso mehr erkennen.


Vielen Dank für eure Zeit,

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

„Gentleman Jack“ Anne Lister – Meine Leseempfehlungen

Zu meinen liebsten, weniger bekannten, Persönlichkeiten der Geschichte gehört definitiv Anne Lister.

Anne Lister lebte im viktorianischen England und machte sich durch ihre überlieferten Tagebuchaufzeichnungen bis heute einen Namen in der Weltgeschichte und gerade auch in der LGBTQ+ Community.

Die Bekanntheit hat vor allem einen Grund, denn Anne Lister, genannt „Gentleman Jack“, war, was die Erwartungen ihrer Zeit an eine Dame anging, alles andere als konform. Sie reise viel, las viel, hatte ein großes Interesse an Medizin und Anatomie und „heiratete“ Anne Walker im Jahr 1834 in der Holy Trinity Church in York.

Neben Anne Listers Biographie an sich sind es gerade die zugehörigen Tagebucheinträge, die überhaupt erst dazu führten, dass ich heute diesen Blogbeitrag schreiben kann. Statistisch betrachtet gehören ihre Aufzeichnungen, die sie seit jungen Jahren in eigens dafür gefertigten Tagebüchern anfertigte, zu den längsten fortlaufenden historischen Kommentaren der Geschichte. Teile der Tagebücher sind darüber hinaus außerdem chiffriert geschrieben und wurden erst Stück für Stück entschlüsselt.

Da ich grundsätzlich eine große Liebhaberin historischer, originaler Aufzeichnungen bin, wird es nicht überraschen, dass ich bereits einige Bücher rund um Anne Listers Leben und Tagebücher verschlungen habe, die ich alle aus unterschiedlichen Gründen empfehlen kann.

Grundsätzliche halte ich für sinnvoll zwischen zwei Arten der biographischen Darstellung rund um Anne Lister zu unterscheiden, denn zum einen gibt es solche Bücher, die ihr Leben größtenteils biographisch und erzählerisch darstellen und solche, die sich stärker an den originalen Tagebücher orientieren.

„Anne Lister – Eine erotische Biographie“ (Angela Steidele)

„Anne Lister – Eine erotische Biographie“ gehört zu den biographischen Werken um Anne Lister und stellt ihr Leben vor allem aus der Perspektive Dritter dar. Während das einerseits ein guter Weg ist um viel über das Leben Listers zu erfahren, bleiben ihre eigentlichen Gedanken und Lebenseinstellungen, von denen gerade die Tagebucheinträge profitieren, leider außen vor.

Dennoch gibt diese Art der Erzählung einen guten Einblick darauf , wie Anne Lister zu Lebzeiten von vielen gesehen werden musste, eine Tatsache, die wiederum in den Tagebüchern oft vergessen wird.

Trotz allem finde ich es schade, dass viele der Kritikpunkte die in „Anne Lister – Eine erotische Biographie“ angesprochen werden, durch das autobiographische Werk Anne Listers, in dem sie sich vielen dieser Kritikpunkte sogar selbst bewusst ist, eine Erklärung finden könnten.

„The Secret Diaries of Miss Anne Lister – I Know My Heart“ (Helena Whitbread, Anne Lister)

Dieses Buch gehörte zu den ersten, in denen die Tagebücher Anne Listers neu aufbereitet und dargestellt wurden.

Größtenteils besteht „The Secret Diaries of Miss Anne Lister – I Know My Heart“ aus originalen Aufzeichnungen von Anne Lister, die teilweise durch biographische Erklärungen und Zusammenfassungen komplettiert werden.

Für mich persönlich war dieses Buch das beeindruckendste und interessanteste über Anne Lister. Es war nach Angela Steideles Biographie das zweite, welches ich gelesen hatte und gerade die originalen Tagebuchabschriften faszinierten mich besonders.

Sollte ich eine spezielle und nur eine Leseempfehlung abgeben, würde ich mich für dieses Buch entscheiden, denn es gibt dem Leser einen perfekten Einblick in das Leben, das Umfeld und den Werdegang Anne Listers.

Auch die folgenden Leseempfehlungen um Anne Lister basieren erzählerisch auf dem gleichen Prinzip, wie „The Secret Diaries […]“ und sind aus denselben Gründen höchst empfehlenswert.

„The Secret Diaries of Miss Anne Lister – No Priest but Love“ ist gewissermaßen die Fortsetzung des ersten Werks um Anne Lister von Helena Whitbread.

„Gentleman Jack: The Real Anne Lister“ wurde von Sally Wainwright und Anne Choma verfasst und im Zuge der Serie „Gentleman Jack“ herausgegeben.

Da beide Autorinnen in großen Teilen mit den Originaltexten arbeiten und eng an der filmischen und textnahen Umsetzung des autobiographischen Werks beteiligt sind, gibt dieses Werk einen besonders guten Einblick in die Gedankenwelt Anne Listers.

Neben meiner ersten großen Empfehlung wäre „Gentleman Jack: The Real Anne Lister“ sofort meine nächste Wahl.

Ich hoffe ich konnte mit dieser kleinen Zusammenstellung einen guten Einblick in die literarische Welt rund um Anne Lister geben. Habt eine schöne Woche!

Von Hegel bis Poe – Leseempfehlungen Februar 2021

Willkommen zu meinem neuen Beitrag und einem Format, welches sich für diesen Monat sehr gut angeboten hat: Monatliche Leseempfehlungen. Ich hatte diesen Januar ungewöhnlich viel Zeit zum Lesen, was auch daran lag, dass ich mir eben diese viel bewusster genommen habe, und meine Leseliste 2021 ist bereits jetzt ein ganzes Stück gewachsen.

Ich möchte euch in diesem Beitrag also eine Shortlist der Werke vorstellen, die mir besonders im Kopf geblieben sind. Viel Spaß beim Lesen 🙂

„Die besten Geschichten“ Edgar Allan Poe

„I know not how it was – but, with the first glimpse of the building, a sense of insufferable gloom pervaded my spirit“ (The Fall of the House of Usher)

Diese Sammlung an Werken Poes ist ursprünglich eigentlich nur in meinen Händen gelandet, da ich vergessen hatte, dass ich tatsächlich bereits eine Poe Sammlung besitze und gerade sowieso dabei war etwas im Internet zu bestellen.

Letztendlich führte das aber glücklicherweise dazu, dass ich mit Poe einen neuen Autor für mich entdeckt habe, denn obwohl ich bereits die eben erwähnte Sammlung auf meinem Regalbrett stehen habe und auch in der Vergangenheit die ein oder andere Kurzgeschichte Edgar Allan Poes gelesen hatte, habe ich ihn als Autor nie weiter beachtet. Eine Tatsache die sich seit ein paar Tagen deutlich geändert hat, denn ich war begeistert.

Poe Fans werde ich mit dieser Rezension also wirklich nichts Neues erzählen, aber allen, die sich für dunkle Romantik, viktorianische Privatdetektive und Mystisches interessieren, kann ich es nur wärmstens ans Herz legen, sich auch einmal mit Edgar Allan Poe zu befassen.

„Krieg und Frieden“ Lew Nikolajewitsch Tolstoi

„Unsinnig! … Unsinnig! … Der Tod! … Lüge! …“ (Krieg und Frieden)

Es wäre wahrscheinlich gar keine vollständige Leseempfehlung meinerseits, würde ich nicht den obligatorischen Klassiker der Weltliteratur mit einbeziehen. Meine Wahl für diesem Monat fiel dabei auf „Krieg und Frieden“, einen Roman, den zu lesen ich mich relativ spontan entschloss, nachdem ich zuvor lange Zeit auf der Suche nach einer schönen alten Ausgabe war. (Die Ästhetik muss schließlich auch stimmen).

Eine solche Ausgabe habe ich bei diversen Antiquariatsbesuchen jedoch nie gefunden und so habe ich das Werk erst wieder vergessen und dann durch eine Leserezension auf Instagram „wiederentdeckt“. Da es viele Klassiker, eBooks sei Dank, meist digital und kostenlos gibt, saß ich relativ schnell mit genügend Lesestoff für einige Tage im Sessel und tauchte ein in die Welt und Erzählung Tolstois.

„Kleine Schritte mit großer Wirkung“ Miriam Junge

„Einzelne Bausteine machen in der Summe ein großes Ganzes.“ (Miriam Junge)

„Kleine Schritte mit großer Wirkung“ ist ein klassisches Self Help Buch, dessen Inhalt mich zugegebenermaßen nur an wenigen Stellen wirklich überrascht hat. Das Grundprinzip bleibt hier erwartungsgemäß das Selbe: Kleine aber stetige Handlungen führen im großen Bild zu einem vielversprechenden Ergebnis.

Obwohl ich persönlich aus diesem Buch nicht all zu viel Neues für mich erfahren konnte, halte ich die meisten Inhalte, Erklärungen und Tipps doch für sehr sinnvoll und richtig und vor allem auch alltagstauglich anwendbar. Insgesamt ist „Kleine Schritte mit großer Wirkung“ also in jedem Fall ein gelungener Ratgeber.

Ordeal by Innocence“ Agatha Christie

„Justice is, after all, in the hands of men and men are fallible.“ (Ordeal by Innocence)

Für mich ist Agatha Christie definitiv die unangefochtene (die oft angefochtene, aber nie erreichte) „Queen of Crime“ und so ist es nicht verwunderlich, dass ich auch über „Ordeal by Innocence“ nur Gutes sagen kann.

Der Roman kam vergleichsweise neu in meine, mittlerweile doch recht große, Christie Sammlung, verbrachte aber dennoch ein gutes Jahr ungelesen auf meinem Regal, bevor ich ihn in der letzen Woche endlich hervorholte.

„Ordeal by Innocence“ erschien zum ersten Mal im Jahr 1958 und wurde vor drei Jahren auch als Fernsehserie verfilmt. Die Geschichte des Romans verbindet die klassischen Elemente einer Kriminalgeschichte mit den für Agatha Christie typischen handlungstechnischen Wendungen und exzentrischen Figuren. Für mich gehört der Roman definitiv zu meinen Favoriten ihrer Werke!

Ich hoffe diese Auflistung meiner liebsten Werke der letzen Monate konnte euch vielleicht die ein oder andere Leseinspiration liefern! Vielen Dank fürs Lesen!

Alte Texte & Historische Texte – Ein Kommentar

Guten Morgen, ich hoffe Ihr hattet alle einen schönen Start in die Woche!

Ich hatte die letzten zwei Tage angenehmerweise wenig zu erledigen und konnte mein Wochenende somit größtenteils damit verbringen zu lesen. Im Zuge dessen bin ich – nachdem ich es mir vor Jahren gekauft hatte – endlich dazu gekommen Agatha Christies „Ordeal by Innocence“ zu lesen (Leseempfehlung!).

Dieser Kriminalroman, auf dessen Handlung ich hier garnicht weiter eingehen werde, denn wenn überhaupt hätte diese einen eigenen Blogbeitrag verdient, war der erste den ich seit Monaten gelesen habe und mir ist dabei eine Sache wieder besonders stark aufgefallen. Etwas, das ich bereits in der Vergangenheit beim Lesen diverser (Kriminal-)Romane vor allem unbewusst bemerkt habe.

Es gibt meiner Meinung nach einen unglaublich großen Unterschied zwischen modernen Kriminalromanen (und wie bereits kurz anskizziert natürlich auch Romanen im Allgemeinen), die in historischen Zeiten spielen und historischen Kriminalromanen, die in modernen Zeiten spielten und heute aufgrund ihres Alters historisch sind.

Meine Präferenz liegt deutlich bei Letzterem, was natürlich auch damit zu erklären ist, dass ich generell ein Freund alter Texte bin. In diesem Blogbeitrag möchte ich mir einmal die Zeit nehmen, meine Gedanken zu beiden Aspekten zu teilen, auch weil ich gespannt bin, ob es vielleicht noch mehr Menschen gibt, denen in der Kunst oder Literatur bereits Ähnliches aufgefallen ist.

Ich denke einer der wichtigsten Gründe, weshalb sich (ich werde im Folgenden der Einfachheit halber zwischen historischen Romanen und alten Romanen unterscheiden*) historische Romane in ebendiesen Aspekten immer etwas anders lesen, als alte Romane ist, dass in diesen das Vergangene wesentlich weniger versteckt und alltäglich auftritt. Zwar hat das für uns als Leser unter Umständen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, immer etwas mehr über die entsprechende Zeit der Handlung zu erfahren, dennoch nimmt dieser doch vorhandene moderne Blickwinkel der Autor*in auf das erzählte, recherchierte Geschehen diesem oft die geschichtliche Glaubwürdigkeit.

Ein solcher historischer Kriminalroman mag bis in jedes Detail perfekt mit der damaligen Lebenswelt übereinstimmen und doch ist er eben nur die Reproduktion dieser Zeit und dies fällt verglichen mit alten Texten immer auf.

Dazu kommt die Tatsache, dass Dialog und Monolog nicht unterschätzt werden dürfen (etwas, das je nach Erfahrung der Autor*in im Bereich historischen Schreibens auch gut gelöst sein kann). Gerade, wenn man diesen bestimmten Stil älterer Werke gewöhnt ist, oder wenn ein historischer Roman inhaltlich nahezu perfekt historisch ist, ist es umso unpassender, wenn Figurenrede und Erzähler in ihrem jeweiligen Stil dieses Konstrukt nicht komplettieren können.

Das soll an dieser Stelle auf keinen Fall eine wirkliche Kritik den betreffenden Autor*innen gegenüber sein, denn ich selbst würde mir beispielsweise nicht zutrauen weder die Handlung, noch die Figuren annähernd historisch korrekt auftreten zu lassen. Vielmehr handelt es sich dabei lediglich um eine kaum lösbare Auffälligkeit, die historische Romane von alten Romanen abgrenzt.

Ich habe bereits zu Beginn dieses Kommentars angesprochen, dass sowohl alte, als auch historische Texte gut dazu geeignet sein können, mehr über ihre Zeit zu lernen. In diesem Punkt haben sicherlich beide Bereiche ihre Vorzüge, die Informationsketten unterscheiden sich trotzdem. Während es der alte Roman in seiner Handlungszeit (vor allem wenn er in der damaligen Moderne spielte) dem Leser erlaubt direkt durch die Beschreibungen der Autor*in zu lernen, tritt die Autor*in im historischen Roman vielmehr als Vermittlerin zwischen Wissen über die Handlungszeit und Leser*in auf.

Mein persönlich größter Kritikpunk an vielen historischen Romanen und gerade den Kriminalromanen dieser Art ist, dass immer die Gefahr besteht, die Figuren der Handlung zu Klischees verkommen zu lassen. Da ich nun selbst ein Mensch des 21. Jahrhunderts bin, steht es mir natürlich nur bedingt zu, Thesen aufzustellen, die den Alltag der Figuren historischer Romane angehen, dennoch werde ich beim Lesen dieser oft stutzig, wenn es immer nur dieses eine in die Zeit passende Thema gibt, welches jede Figur zu beschäftigen scheint und wenn alle Figuren in der passenden Ästhetik, oder dem komplett korrekten Stil auftreten.

Dies führt dazu, dass ein historischer Roman mit viel Potential zu einer homogenen Masse seiner angestrebten Zeit wird, es nimmt dem ganzen leider oft Reiz und Charme.

In vielen alten Romanen ist es viel ehr so dass Dekaden gewissermaßen in sich heterogen auftreten. Bestimmte Figuren, Orte und Handlungen, obwohl sie Kinder ihrer Zeit sind, grenzen sich ganz natürlich voneinander ab. Denn Zeit ist nun einmal relativ und es gibt kein Jahrhundert, keine Stunde und keine Minute, in der auf einmal alle Aspekte einer Realität das Licht der Welt erblickten.

Vielen Dank für eure Zeit!

Grüße, Leonie 🙂

*historische Romane = moderne Romane mit historischer Handlung