Die Schlange im Wolfspelz

📕 Michael Maar – Die Schlange im Wolfspelz

In „Die Schlange im Wolfspelz“ stellt Michael Maar eine Vielzahl bedeutender Werke und Autoren der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte vor und nutzt diese als Beispiel und Beweis rund um die Frage „Wo beginnt eigentlich Stil und Literatur?“.


🔒 Gedanken zu diesem Werk bezüglich…

Leben & Denken:

Wer hat sich nicht schon mit dem Gedanken beschäftigt, wie Literatur von bloß Geschriebenem oder sogar schlechter Literatur abgegrenzt wird.

Ich habe immer nur – oder praktischerweise – sehr banale Antworten gefunden. Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“ schafft einen so tiefgreifenden Blick in die Literaturfrage, dass diese danach nicht unbedingt schneller, aber mit qualitativ hochwertigeren Anhaltspunkten diskutiert werden kann.

Den angesprochenen Themen und dem Genre:

In den einzelnen Kapiteln trifft man immer wieder auf neue, auf bekanntere und auf weniger bekannte Autoren, jeder einzelne mit einer persönlichen Daseinsberechtigung, einer persönlichen Geschichte und einem ganz eigenen Stil.

Michael Maars Humor ist dabei eine weitere Form unglaublich guten Stils im Denken und Schreiben.


🖇 Weiteres

Autoren & Werke zu ähnlichen Thematiken

  • Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, Klabund
  • Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943), Wolfram Eilenberger
  • Kulturgeschichte der Menschheit – Band 15, Will Durant & Ariel Durant

In „Die Schlange im Wolfspelz“ erwähnte Autoren und Werke, die mein Interesse weckten (Shortlist)

  • Rahel Levin
  • Marieluise Fleißer
  • Adalbert Stifter „Margarita“
  • Christine Lavant „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“

Was macht dieses Werk aus?

  • Humor, Wissen und Zeitgeist
  • Eine unendlich scheinende Recherchearbeit
  • Neue Ideen zu alten Konzepten der Literatur (siehe: die „Loriot-Probe“)

📌 Grunderkenntnisse & Ideen

  • Ein Werk lässt sich kaum, genauer gesagt gar nicht, von seinem Schaffer trennen.
  • Stil ist nicht nur ein gerne gesehener, überflüssig verschönernder, Aspekt eines Romans, sondern ein bedeutender Grundzug des Romans selbst.
  • Ein gutes literarisches Epos ist wie eine gute wissenschaftliche Arbeit, es bringt neue Erkenntnisse.
  • Schreibstil ist nicht gleich Denkstil ist nicht gleich Atmosphäre.
  • Humor wird unterschätzt, Thomas Mann auch.
  • Zuletzt: „Le style, c’est le poète même.“

📈 Lieblingszitate

„Darum ist es unsinnig, den Inhalt eines Gedichts oder Romans von seinem Stil abzulösen. Der Inhalt sei gut, vom Stil müsse man nicht sprechen – so geht das nicht in der Literatur. Es geht so wenig, wie es bei einem Musikstück ginge, von dem man sagte, bis auf die Noten sei alles prima.“

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 16

„Aber was macht ihn nun aus, den guten Stilisten? Eine mögliche Antwort wäre: Der Künstler will, wie die Wissenschaftler, die Welt nicht verlassen, ohne ihr eine winzige neue Erkenntnis mitgegeben zu haben. Und wenn keine Erkenntnis, dann eine Farbnote, eine Stimmung, irgendeinen Dreh, den es zuvor noch nicht gab.“

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 21

„Nietzsches Art der Interpunktion läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Hier schreibt ein Genie mit schwerem Aufmerksamkeitsdefizit.“

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 50

„Man müsse vom Idealismus nur ein klein wenig die Decke des Enthusiasmus heben, und es trete sein unmenschlicher Kern zutage. „Bei Schiller wird so entsetzlich leicht gestorben.““

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“, S. 176

„Gentleman Jack“ Anne Lister – Meine Leseempfehlungen

Zu meinen liebsten, weniger bekannten, Persönlichkeiten der Geschichte gehört definitiv Anne Lister.

Anne Lister lebte im viktorianischen England und machte sich durch ihre überlieferten Tagebuchaufzeichnungen bis heute einen Namen in der Weltgeschichte und gerade auch in der LGBTQ+ Community.

Die Bekanntheit hat vor allem einen Grund, denn Anne Lister, genannt „Gentleman Jack“, war, was die Erwartungen ihrer Zeit an eine Dame anging, alles andere als konform. Sie reise viel, las viel, hatte ein großes Interesse an Medizin und Anatomie und „heiratete“ Anne Walker im Jahr 1834 in der Holy Trinity Church in York.

Neben Anne Listers Biographie an sich sind es gerade die zugehörigen Tagebucheinträge, die überhaupt erst dazu führten, dass ich heute diesen Blogbeitrag schreiben kann. Statistisch betrachtet gehören ihre Aufzeichnungen, die sie seit jungen Jahren in eigens dafür gefertigten Tagebüchern anfertigte, zu den längsten fortlaufenden historischen Kommentaren der Geschichte. Teile der Tagebücher sind darüber hinaus außerdem chiffriert geschrieben und wurden erst Stück für Stück entschlüsselt.

Da ich grundsätzlich eine große Liebhaberin historischer, originaler Aufzeichnungen bin, wird es nicht überraschen, dass ich bereits einige Bücher rund um Anne Listers Leben und Tagebücher verschlungen habe, die ich alle aus unterschiedlichen Gründen empfehlen kann.

Grundsätzliche halte ich für sinnvoll zwischen zwei Arten der biographischen Darstellung rund um Anne Lister zu unterscheiden, denn zum einen gibt es solche Bücher, die ihr Leben größtenteils biographisch und erzählerisch darstellen und solche, die sich stärker an den originalen Tagebücher orientieren.

„Anne Lister – Eine erotische Biographie“ (Angela Steidele)

„Anne Lister – Eine erotische Biographie“ gehört zu den biographischen Werken um Anne Lister und stellt ihr Leben vor allem aus der Perspektive Dritter dar. Während das einerseits ein guter Weg ist um viel über das Leben Listers zu erfahren, bleiben ihre eigentlichen Gedanken und Lebenseinstellungen, von denen gerade die Tagebucheinträge profitieren, leider außen vor.

Dennoch gibt diese Art der Erzählung einen guten Einblick darauf , wie Anne Lister zu Lebzeiten von vielen gesehen werden musste, eine Tatsache, die wiederum in den Tagebüchern oft vergessen wird.

Trotz allem finde ich es schade, dass viele der Kritikpunkte die in „Anne Lister – Eine erotische Biographie“ angesprochen werden, durch das autobiographische Werk Anne Listers, in dem sie sich vielen dieser Kritikpunkte sogar selbst bewusst ist, eine Erklärung finden könnten.

„The Secret Diaries of Miss Anne Lister – I Know My Heart“ (Helena Whitbread, Anne Lister)

Dieses Buch gehörte zu den ersten, in denen die Tagebücher Anne Listers neu aufbereitet und dargestellt wurden.

Größtenteils besteht „The Secret Diaries of Miss Anne Lister – I Know My Heart“ aus originalen Aufzeichnungen von Anne Lister, die teilweise durch biographische Erklärungen und Zusammenfassungen komplettiert werden.

Für mich persönlich war dieses Buch das beeindruckendste und interessanteste über Anne Lister. Es war nach Angela Steideles Biographie das zweite, welches ich gelesen hatte und gerade die originalen Tagebuchabschriften faszinierten mich besonders.

Sollte ich eine spezielle und nur eine Leseempfehlung abgeben, würde ich mich für dieses Buch entscheiden, denn es gibt dem Leser einen perfekten Einblick in das Leben, das Umfeld und den Werdegang Anne Listers.

Auch die folgenden Leseempfehlungen um Anne Lister basieren erzählerisch auf dem gleichen Prinzip, wie „The Secret Diaries […]“ und sind aus denselben Gründen höchst empfehlenswert.

„The Secret Diaries of Miss Anne Lister – No Priest but Love“ ist gewissermaßen die Fortsetzung des ersten Werks um Anne Lister von Helena Whitbread.

„Gentleman Jack: The Real Anne Lister“ wurde von Sally Wainwright und Anne Choma verfasst und im Zuge der Serie „Gentleman Jack“ herausgegeben.

Da beide Autorinnen in großen Teilen mit den Originaltexten arbeiten und eng an der filmischen und textnahen Umsetzung des autobiographischen Werks beteiligt sind, gibt dieses Werk einen besonders guten Einblick in die Gedankenwelt Anne Listers.

Neben meiner ersten großen Empfehlung wäre „Gentleman Jack: The Real Anne Lister“ sofort meine nächste Wahl.

Ich hoffe ich konnte mit dieser kleinen Zusammenstellung einen guten Einblick in die literarische Welt rund um Anne Lister geben. Habt eine schöne Woche!