Wieso sich Boston auch im Regen lohnt

Boston, die Stadt der so unglaublich kreativ benannten Boston Tea Party und urbaner Idealtyp Neuenglands lässt seine Besucher an jeder Ecke den so typischen „american spirit“, den Drang nach Freiheit spüren und auch wenn dieser ein allgemeines Phänomen der USA ist, so wird gerade in diesem Zusammenhang doch immer sehr der East Coast-, West Coast-Unterschied deutlich, vor allem bei einer Tour durch die großen und alten Städte der Ostküste.

Boston

Während die Westküste mit ihren endlosen Highways, schnurgerade Wüstenstraßen, unglaublich kurvigen Küstenwegen und 1950s Diners vor allem dem (gewissermaßen) modernem Wookstock Freiheitsdrang entspricht, umgibt die Ostküste, damit allen voran Boston, ein ganz anderer, reiferer Freiheitsgedanke. Die Urform dessen: Independence

Es wäre naiv zu glauben, das Wissen über den Beitrag Bostons zur Unabhängigkeitsgeschichte Amerikas sei nur wenigen Geschichtskennern vorbehalten und der Rest der Welt spaziere beim Gang durch die Stadt durch ein ihm völlig austauschbar scheinendes Häusermeer. Man ist sich dem historischen Erbe in der Stadt natürlich sehr wohl bewusst und setzt äußersten Wert drauf, dieses an jeder Straßenecke und Weggabelung aufs Neue durch ein paar hundert Jahre alte (nach amerikanischem Standard also höchst historisch, praktisch antike) Gebäude mit entsprechenden Informationstafeln oder auch dem „Freedom Trail“ medial und touristisch zu nutzen.

So ironisch Teile dieses kurzen Berichtes nun klingen vielleicht klingen mögen, es macht wirklich Spaß, an verregneten Herbstnachmittagen ausgestattet mit einem guten Regenschirm und warmen Mantel durch die Stadt zu schlendern, um einfach einmal zu sehen, wohin diese auffällig unauffälligen historischen Sehenswürdigkeiten rund um den „Freedom Trail“ führen.


Geht man die abendliche Unterhaltung in Boston ähnlich spontan an wie obiges Projekt, kann ich versprechen, dass man ebenfals auf seine Kosten kommen wird. Zwar spielt sich das Bostoner Nachtleben nicht wie in manchen legendären Metropolen auf den Straßen ab („One Night in Bangkok…“), dafür aber in den hunderten Pubs und Bars der Stadt. Dennoch ist dies eine Tatsache, die Reiseführer ablehnende, Hongkong und Bangkok verwöhnte, Spontanreisende erst einmal gelernt haben müssen.

Auch sollte man darauf vorbereitet sein, dass einige dieser Vielzahl an Pubs und Bars nicht übersichtlich auf einer Laufstrecke liegen, sondern gerade so, dass Pub A versichert sein kann, seine Stamm- und Laufkundschaft nach einer langen Nacht nicht mehr an die Konkurrenz aus Pub B verlieren zu können, denn eben diese Stammkundschaft wäre zu einem solchen Gewaltmarsch weder physisch noch mental in der Lage.

An jenem besagten regnerischen Herbstabend führte das nun also dazu, dass man anstatt des erhofften urigen Pubs am Bostoner Hafen nur einen verlassenen und einen mit geschlossener Gesellschaft vorfand. Die aus eben genannten Gründen abweichenden Öffnungszeiten waren nun aber definitiv nicht auf Google Maps, dem modernen besten Freund eines jeden Reisenden zu finden.

Kombiniert mit der mathematisch nicht belegten Tatsache, dass die Wartezeit auf Uber und Taxi Services mit schlechter werdenem Wetter exponentiell steigt hieß das Folgendes: Man hatte Zeit, sehr viel Zeit, sich mit dem ruhigen (um nicht zu sagen höchst langweilig und eintönig scheinenden) Bostoner Hafenviertel sehr genau auseinanderzusetzen. Regenschirme schützen auch nicht vor Wind und Kälte, also ging es in eine dunkle Gasse direkt am Kai, von welcher aus man die Lichter der wesentlich belebteren Stadt am anderen Ende des Hafenbeckens ein kleines bisschen neidisch beobachten konnte. Die Stimmung war einem dieser typischen Werke der Großstadtlyrik irgendwann um die Jahrhundertwende nicht unähnlich…

[…]
Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen – bunte Öle;
[…]

(Auf der Terrasse des Café Josty – Paul Boldt)

Monate später habe ich durch Zufall erfahren, dass der Platz am Hafen, an dem ich etwas unfreiweillig einen Teil meines Abends verbrachte, den ich im Zuge dessen in seiner Art aber doch auf eine Art schätzen lernte, ein beliebtes Ziel für Fotografen auf der Suche nach einem charakteristischen Boston Motiv ist. Obwohl ich nur wenig Wissen über Photographie habe muss ich sagen, ich verstehe, wie beeindruckend und schön der Blick auf die Stadt von diesem kleinen Ort aus ist.


Nicht nur im Regen und bei Nacht halte ich Boston für ein wunderschönes Reiseziel, perfekt für jeden, der den schnörkelig-historisch-modernen Ostküstenflair liebt, sondern auch ganz allgemein erlebte ich die Stadt gerade zu den unmöglichsten Zeiten als besonders beeindruckend.

Wer also kein Nachtmensch ist oder lieber von Anfang an die richtigen Restaurants während ihrer tatsächlichen Öffnungszeiten besucht, dem kann ich nur ans Herz legen, einmal irgendwann zwischen 5 Uhr und 7 Uhr morges durch die Stadt zu gehen. Die meisten Geschäfte sind zu dieser Zeit zwar noch geschlossen, aber es reicht allemal um sich bequem einen Bagel und einen schwarzen Kaffee bei Starbucks zu holen und anschließend dem berühmten Boston Market noch vor dem ersten Besucherstrom beim Aufwachen und Aufbau zuzusehen.

(Von dem wunderschönen Laternenlicht auf den roten Mauern und Straßen im Morgennebel ganz zu schweigen.)

Boston und seine Straßenlaternen um 6 Uhr morgens
Boston, MA | 6 Uhr morgens

Qingdao – „China light“ und die Fliegerei

Der erste Flieger von Qingdao

In Qingdao, ehemalige Kolonie Tsingtao, geht die deutsch-chinesische Vergangenheit bis zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Grundsteine des langjährigen Militarstützpunktes gelegt wurden, der zu Beginn die Sicherheit der deutschen Unternehmer in der jungen Kolonie garantieren sollte und im Laufe der Zeit und unter Verwendung sogenannter „Pachtverträge“ zu einem der wichtigsten Knotenpunkte des damaligen Deutschlands in den Osten wurde.

Über wochenlange Land- und Seewege schlugen sich Tausende in der Hoffnung nach einem neuen Anfang und wirtschaftlichem Erfolg oder aufgrund militärischer Order nach Qingdao durch und auch als sich die erste Generation Kolonisten im Osten eingelebt hatte blieben diese Handelswege von großer Bedeutung, denn der aufwändige Lebensstil wollte entsprechend versorgt werden und so schickte man munter und kompakt verpackt Möbel, Kleidung oder Rohstoffe von Deutschland nach Qingdao.

(Quelle: unsplash)

Franz Oster und seine Rumpler-Taube

An solche logistischen Dimensionen gewöhnt, wird es theoretisch kaum jemanden verwundert haben, als ein gewisser deutscher Unternehmer, der es in China zu Bekanntheit und Erfolg gebracht hatte, im Jahr 1911 eine kleine, schwachmotorige, Maschine aus den Rumplerwerken nach Qingdao verfrachten lies. Theoretisch, denn damals befand man sich an einem Punkt der Weltgeschichte, an dem Mobilität an Land, See und Luft ihren Kampf um Effizienz noch nicht ausgefochten hatten und so schickten Hobbypiloten ihre Flieger eben durchaus auch per Seeweg um die Welt.

Praktisch erregten die fliegerischen Bemühungen Franz Osters doch recht große Aufmerksamkeit. Groß genug jedenfalls, als dass man bis heute über Berichte mehrerer Zeitschriften Osters Weg zum ersten Flieger Qingdaos nachvollziehen kann.

Ob Wright und Whitehead, Deroche und Earhart oder eben Plüschow und Oster, es ist ein Phänomen der Luftfahrtgeschichte, fast ein ungeschriebenes Gesetz, dass die bekanntesten Pioniere selten die ersten waren. Gunther Plüschow war Marineoffizier in Qingdao und startete ab 1914 während des Krieges und der Belagerung der Stadt diverse Aufklärungsflüge und militärische Missionen mit seiner Maschine. Er konnte während des Ersten Weltkriegs und im Zuge mehrerer Gefangenschaften in einer Odysee um die halbe Welt seinen Weg zurück nach Deutschland finden und schrieb anschließend ein autobiographisches Werk über seine Erlebnisse: „Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtao“.

Das war genug um Gunther Plüschow für viele auch zum „Ersten Flieger von Tsingtao“ zu machen, doch Fakt ist, dass er diesen Titel um einen Vorsprung von knapp einem Jahr an Franz Oster verloren hatte.

Franz Oster startete in seiner eigens verschifften Rumpler-Taube ab dem 9. Juli 1913 regelmäßig und recht erfolgreich Pionierflüge rund um Qingdao. Zwar reichten weder die lokalen Wetterverhältnisse noch die Konstruktion der damals so beliebten Rumpler-Taube für großartige Strecken – oder in den meisten Fällen mehr als einem Passagier, dem Piloten – aus, dennoch hatte Frau Oster das Glück, die erste Frau gewesen zu sein, die Qingdao jemals von oben sah.

Qingdao Heute – Zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Heute kommt man über die Verbindung Frakfurt-Qingdao innerhab einiger Stunden per Luftlinie in die Stadt.

Als ich 2017 zum ersten Mal durch den Qingdao Liuting International Airport lief und anschließend die rund 40 Minuten Fahrt vom Flufhafen zum alten Hafen und schließlich zur wesentlich moderneren Waterfront mit Hotels, Restaurants und typischem Night Market zurücklegte musste ich an die Aussage eines befreundeten Piloten denken: „Qindao ist China light.“

Das moderne Qingdao (Quelle: unsplash)

Dieser Vergleich ist nicht vollkommen falsch, denn die chinesische Millionenstadt erlebt man – verglichen mit anderen asiatischen Metropolen – ungewöhnlich gemütlich.

Als Liebhaberin historischer Architektur ging ich schließlich einer Empfehlung nach, nach der es in einem ehemaligen Offiziersheim bei der früheren Residenz des deutschen Gouverneurs nicht nur die Möglichkeit gibt einen Einblick in Spuren der Vergangenheit zu erhalten, sondern auch die Aussicht auf guten Kaffee und Desserts. (Eine Tatsache, die ich auf der Suche nach einem Empfehlungslink bis heute nicht beweisen konnte, vielleicht also sogar ein wirklicher „Geheimtipp“).

Ich kann jedem, der gerne einen Einblick in historische Überbleibsel wirft nur empfehlen einmal etwas durch das alte Viertel Qindaos zu wandern, denn viele dieser Gebäude werden heute zwar für moderne Zwecke, wie beispielsweise Büchereien oder Kinos, verwendet können darüber hinaus aber eben auch völlig ohne Anmeldung oder Museumskarte besichtigt werden und bieten dabei immer wieder Informationen über die Vergangenheit.

Es ist wirklich überraschend zu sehen, wie sehr sich die alte Architektur in Qindao von dem modernen China unterscheidet und in einigen Teilen der Stadt könnte man auf den ersten Blick wirklich meinen, man befinde sich in einer kleinen verschlafenen europäischen Hafenstadt der frühen 1910er Jahre.


Vielen Dank für eure Zeit! Ich wünsche euch eine schöne Woche!


Quellen, Links und Interessante Texte:

Qingdao (Wikipedia)

Gunther Plüschow (Wikipedia)

Archivführer – Deusche Kolonialgeschichte

Franz Oster – Der erste Flieger von Tsingtao

Der erste Flieger von Tsingato: Franz Oster (1869 – 1933) – Eine biographische Skizze zusammengestellt von Wilhelm Matzat, 2009

Wilhelm Matzat (Wikipedia)

Fünf Frauen, die Luftfahrtgeschichte schrieben (Aero Telegraph)

Berühmte Fliegerinnen – Élise Léontine Deroche

Aufschwung und Absturz der „Taube“ (Deutsches Museum)

Ehemalige Residenz des Gouverneurs

Der Newsletter des kleinen Mannes – Februar Monatsfavoriten

Hallo da draußen! Ich hoffe ihr hattet alle einen guten Start in den neuen Monat 🙂 Ich hatte im Februar sehr viel Zeit mich mit diversen neuen und erneut entdeckten Interessen zu beschäftigen, was den positiven Nebeneffekt hatte, dass ich auch meine Monatsfavoriten Liste gut füllen konnte.

I. Anime und Crunchyroll

Ich hatte schon immer eine große Bewunderung für Manga und Anime, gerade was den Zeichenstil betrifft. Als ich vor ein paar Jahren zuerst begonnen habe gerne zu zeichnen, entdeckte ich über eben diesen Stil den ein oder anderen Anime, kam aber nie dazu diese letztendlich auch anzusehen oder – abgesehen von vielleicht fünf Manga Heften – zu lesen.

In der zweiten Februar Woche habe ich dann doch einmal ein Crunchyroll* Abonnement abgeschlossen und ich habe seitdem deutlich weniger Zeit auf Netflix, YouTube und Prime verbracht. Es war wirklich schön somit wieder etwas Neues entdeckt zu haben und eine willkommene Abwechslung von den homogenen Netflix und YouTube Empfehlungen, die ich zuvor konstant in meinen Vorschlägen fand.

*Crunchyroll = das „Netflix“ der Animes

II. Autor des Monats: Edgar Allan Poe

In meinem dark academia inspirierten Lesezirkel war unser Lesebuch für Februar eine Kurzgeschichtensammlung von Edgar Allan Poe. Zwar habe ich bereits in der Vergangenheit immer wieder das eine oder andere Werk Poes gelesen, aber dieser Sammelband war für mich tatsächlich die erste größere Sammlung seiner Werke.

Fazit: Ich war begeistert!

III. Musik des Monats: 1950s classics

In der Vergangenheit, bevor ich begonnen habe meine Vorliebe für Genre spezifische Playlists zu entdecken, habe ich immer Monatsplaylists geführt. Diese Tatsache sagt bereits alles aus, was man über meinen Musikgeschmack wissen sollte, denn während ich generell so ziemlich alles bis 1985 gerne höre, wechseln meine bevorzugten musikalischen Dekaden dennoch ziemlich genau monatlich.

Diesen Monat waren es die 50er und 60er Jahre, die mich besonders faszinierten, allen voran Llyod Price. Hier ein paar Beispiele und Empfehlungen

  • „Two Little Men in a Flying Saucer“ – Ella Fitzgerald
  • „Personality“ – Llyod Price
  • „Lawdy Miss Clawdy“ – Lloyd Price
  • „I’m gonna get married“ – Llyod Price

IV. Serie des Monats: „The Bletchley Circle“ & „Detective Conan

„The Bletchley Circle“ ist eine Serie, die ich bereits vor gut einem Jahr entdeckt habe und die ich seit eben dieser Zeit eine meiner liebsten Serien nennen würde. Ich kann „The Bletchley Circle“ und gerade auch „The Bletchley Circle: San Francisco“, letztere sehe ich persönlich sogar noch wesentlich lieber an als erstere, wirklich allen empfehlen, die gerne vintage Krimis mit weiblichen Hauptrollen und interessanten Auflösungen sehen.

Auch in der Anime Kategorie bleib ich weiter im Krimi Genre, diesmal aber bei dem Klassiker „Detektive Conan“, den ich wirklich wahnsinnig niedlich, recht lustig und unterhaltsam finde. Nach Folge 50 oder 60 habe ich mir außerdem einen Spaß daraus gemacht, zu versuchen den Mörder bereits im Voraus zu entdecken, denn irgendwann hat man die Motive wenigstens etwas im Kopf.

V. Neue Projekte: Französich

Französisch als Sprache hat mich schon mein Leben lang fasziniert, kollidierte leider jedoch immer mit meinem latenten Perfektionismus. Diesen Monat habe ich es mir endlich zum Ziel gesetzt diese mentale Barriere zu überwinden und einfach dort mit dem Lernen der Sprache einzusteigen, wo ich mich zu dem Zeitpunkt befand, also circa A2 vielleicht sogar B1 Niveau.

Nach einem Monat regelmäßigen Auseinandersetzens mit der Sprache kann ich sagen, dass ich so froh bin begonnen zu haben, denn obwohl ich natürlich noch keine riesengroßen Fortschritte erreicht habe, merke ich gerade im Lesen und Hören einen deutlichen Unterschied.

VI. Artikel des Monats

LTO – „Magisches Denken vor Gericht“

VII. Monocle Magazine

Es scheint mittlerweile eine Tradition meiner Monatsfavoriten zu werden, jeden Monat den ein oder anderen neuen Newsletter zu entdecken.

Diesen Februar sind es die Newsletter (die Tages- und Wochenendausgaben) des Monocle Magazines geworden. Definitiv eine Empfehlung für jeden, der einen Hybrid aus internationalem Design- und Kulturteil mit einer gewissen Portion moderner, zeitgenössischer Kommentare schätzt.

VIII. Mode des Monats: Tweed Shorts

Meine liebsten Stilelemente diesen Monat waren Tweed Shorts und die Farbe Beige.

Quelle: Pinterest

IX. App des Monats: Pinterest – Slow Living & Social Media?

Ich habe Pinterest als meine neue Lieblingsapp zum Zeitvertreib gefunden. Die Inhalte auf Pinterest sind interessant genug um inspirierend und unterhaltsam zu sein, aber nicht so sehr, dass man ungewollt stundenlang scrollt ohne etwas mitzunehmen.

Ganz große Empfehlung an jeden, der eine ruhigere Social Media Plattform sucht.

X. Zitat des Monats

„I only achieve simplicity with enormous effort.“ (Clarice Lispector)

Ich habe mich einem Zitat selten persönlich so verbunden gefühlt.

Was waren eure liebsten neuen Entdeckungen des Monats? Vielen Dank fürs Lesen!

Alte Texte & Historische Texte – Ein Kommentar

Guten Morgen, ich hoffe Ihr hattet alle einen schönen Start in die Woche!

Ich hatte die letzten zwei Tage angenehmerweise wenig zu erledigen und konnte mein Wochenende somit größtenteils damit verbringen zu lesen. Im Zuge dessen bin ich – nachdem ich es mir vor Jahren gekauft hatte – endlich dazu gekommen Agatha Christies „Ordeal by Innocence“ zu lesen (Leseempfehlung!).

Dieser Kriminalroman, auf dessen Handlung ich hier garnicht weiter eingehen werde, denn wenn überhaupt hätte diese einen eigenen Blogbeitrag verdient, war der erste den ich seit Monaten gelesen habe und mir ist dabei eine Sache wieder besonders stark aufgefallen. Etwas, das ich bereits in der Vergangenheit beim Lesen diverser (Kriminal-)Romane vor allem unbewusst bemerkt habe.

Es gibt meiner Meinung nach einen unglaublich großen Unterschied zwischen modernen Kriminalromanen (und wie bereits kurz anskizziert natürlich auch Romanen im Allgemeinen), die in historischen Zeiten spielen und historischen Kriminalromanen, die in modernen Zeiten spielten und heute aufgrund ihres Alters historisch sind.

Meine Präferenz liegt deutlich bei Letzterem, was natürlich auch damit zu erklären ist, dass ich generell ein Freund alter Texte bin. In diesem Blogbeitrag möchte ich mir einmal die Zeit nehmen, meine Gedanken zu beiden Aspekten zu teilen, auch weil ich gespannt bin, ob es vielleicht noch mehr Menschen gibt, denen in der Kunst oder Literatur bereits Ähnliches aufgefallen ist.

Ich denke einer der wichtigsten Gründe, weshalb sich (ich werde im Folgenden der Einfachheit halber zwischen historischen Romanen und alten Romanen unterscheiden*) historische Romane in ebendiesen Aspekten immer etwas anders lesen, als alte Romane ist, dass in diesen das Vergangene wesentlich weniger versteckt und alltäglich auftritt. Zwar hat das für uns als Leser unter Umständen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, immer etwas mehr über die entsprechende Zeit der Handlung zu erfahren, dennoch nimmt dieser doch vorhandene moderne Blickwinkel der Autor*in auf das erzählte, recherchierte Geschehen diesem oft die geschichtliche Glaubwürdigkeit.

Ein solcher historischer Kriminalroman mag bis in jedes Detail perfekt mit der damaligen Lebenswelt übereinstimmen und doch ist er eben nur die Reproduktion dieser Zeit und dies fällt verglichen mit alten Texten immer auf.

Dazu kommt die Tatsache, dass Dialog und Monolog nicht unterschätzt werden dürfen (etwas, das je nach Erfahrung der Autor*in im Bereich historischen Schreibens auch gut gelöst sein kann). Gerade, wenn man diesen bestimmten Stil älterer Werke gewöhnt ist, oder wenn ein historischer Roman inhaltlich nahezu perfekt historisch ist, ist es umso unpassender, wenn Figurenrede und Erzähler in ihrem jeweiligen Stil dieses Konstrukt nicht komplettieren können.

Das soll an dieser Stelle auf keinen Fall eine wirkliche Kritik den betreffenden Autor*innen gegenüber sein, denn ich selbst würde mir beispielsweise nicht zutrauen weder die Handlung, noch die Figuren annähernd historisch korrekt auftreten zu lassen. Vielmehr handelt es sich dabei lediglich um eine kaum lösbare Auffälligkeit, die historische Romane von alten Romanen abgrenzt.

Ich habe bereits zu Beginn dieses Kommentars angesprochen, dass sowohl alte, als auch historische Texte gut dazu geeignet sein können, mehr über ihre Zeit zu lernen. In diesem Punkt haben sicherlich beide Bereiche ihre Vorzüge, die Informationsketten unterscheiden sich trotzdem. Während es der alte Roman in seiner Handlungszeit (vor allem wenn er in der damaligen Moderne spielte) dem Leser erlaubt direkt durch die Beschreibungen der Autor*in zu lernen, tritt die Autor*in im historischen Roman vielmehr als Vermittlerin zwischen Wissen über die Handlungszeit und Leser*in auf.

Mein persönlich größter Kritikpunk an vielen historischen Romanen und gerade den Kriminalromanen dieser Art ist, dass immer die Gefahr besteht, die Figuren der Handlung zu Klischees verkommen zu lassen. Da ich nun selbst ein Mensch des 21. Jahrhunderts bin, steht es mir natürlich nur bedingt zu, Thesen aufzustellen, die den Alltag der Figuren historischer Romane angehen, dennoch werde ich beim Lesen dieser oft stutzig, wenn es immer nur dieses eine in die Zeit passende Thema gibt, welches jede Figur zu beschäftigen scheint und wenn alle Figuren in der passenden Ästhetik, oder dem komplett korrekten Stil auftreten.

Dies führt dazu, dass ein historischer Roman mit viel Potential zu einer homogenen Masse seiner angestrebten Zeit wird, es nimmt dem ganzen leider oft Reiz und Charme.

In vielen alten Romanen ist es viel ehr so dass Dekaden gewissermaßen in sich heterogen auftreten. Bestimmte Figuren, Orte und Handlungen, obwohl sie Kinder ihrer Zeit sind, grenzen sich ganz natürlich voneinander ab. Denn Zeit ist nun einmal relativ und es gibt kein Jahrhundert, keine Stunde und keine Minute, in der auf einmal alle Aspekte einer Realität das Licht der Welt erblickten.

Vielen Dank für eure Zeit!

Grüße, Leonie 🙂

*historische Romane = moderne Romane mit historischer Handlung

Über den Text hinaus – Mord im Orient Express

In meiner Rubrik „Über den Text hinaus“ behandle ich all jene Themen, die offensichtlich oder im Entferntesten die Literatur betreffen könnten. Besonders oft endet dies in Biographien und weiteren Medien. Heute dem Film.

Meine Obsession mit Agatha Christie lässt sich bereits Jahre zurückverfolgen und begann mit den klassischen schwarz-weiß Miss Marple Filmen und der wunderbaren Margaret Rutherford. Während ich also die Originalwerke Christies überaus schätze, ist nicht zu leugnen, dass es mir gerade auch die filmischen Umsetzungen dieser besonders angetan haben. (Was interessant ist, denn damit gehört eine meiner liebsten Autorinnen gleichzeitig auch zu den wenigen, deren Verfilmungen ich manchmal doch den Texten bevorzuge.)

Die Neuverfilmung von „Mord im Orient Express“ mit Schauspielgrößen wie Kenneth Branagh, Judi Dench und Johnny Depp kam bereits 2017 in die Kinos und es kostete mich nun fast vier Jahre Überwindung, den Film endlich selbst zu sehen. Der Hauptgrund für die so entstandene Lücke in dem Lebenslauf meiner Wertschätzung gegenüber Agatha Christie und ihren Werken war tatsächlich vor allem die Befürchtung, der neue „Mord im Orient Express“ würde mir die Freude an dem alten verderben. Dem war nicht so!

Bereits nach den ersten fünf Minuten hatte mich die Atmosphäre des Films in ihren Bann gezogen. Ich war begeistert von Kenneth Branagh als Hercule Poirot und auch die anderen Figuren, sowie die gesamte Inszenierung und die gewaltigen Bilder machten „Mord im Orient Express“ für mich schnell zu einem neuen Lieblingsfilm. Ich möchte an dieser Stelle auch garnicht zu sehr ins Detail gehen, was die Analyse der gesamten Gestaltung des Film angeht, vor allem weil ich es schlichtweg nicht kann. Weder sehe ich viel fern, noch bin ich bei den Neuigkeiten Hollywoods immer auf dem aktuellen Stand, es ist also zum einen sehr leicht mich mit Filmen zu beeindrucken, zum anderen ist mein Maßstab eines guten Films größtenteils auf die Wirkung dessen auf mich persönlich fokussiert.

Im Folgenden möchte ich euch also einmal kurz die Details und Merkmale von „Mord im Orient Express“ vorstellen, die den Film für mich so besonders machten:

Patrick Doyle

Der Komponist des Soundtracks sagte über Filmmusik einmal „[…] it should be able to, away from the picutre, conjure up the same sort of feelings and images that it was meant to on screen.“ Er ist diesem Grundsatz treu geblieben!

Poirot – Genius, Gestik und Sprache

Natürlich bin ich in dieser Hinsicht insofern voreingenommen, als das ich schon immer ein großer Fan des „Greatest Detective“ war, aber mit einer solchen Einschätzung kommt immer auch eine besondere Erwartungshaltung und diese konnte von Hercule Poirot in „Mord im Orient Express (2017)“ definitiv erfüllt werden. Ich wage fast zu behaupten, dass er zu meinem neuen „Lieblingspoirot“ geworden ist. Zu dieser unbewussten Entscheidung kam ich gegen Ende des Films, denn meiner Meinung nach gehörte der Monolog Poirots zu den bedeutungsgewaltigsten Szenen des ganzen Films. (Unerfahrene Filmkritiker* würden sagen „zu den besten Szenen der Filmgeschichte“.)

*Ich

Die Ästhetik

Jeder der mich etwas besser oder länger kennt, weiß das „Ästhetik“ zu meinen meist genutzten Wörtern überhaupt gehört. Wenn ich also die Ästhetik eines Films oder Romans schätze, ist das eines der größten Komplimente, das ich geben könnte. In diesen Fällen fließt in die ästhetischen Qualitäten für mich noch viel mehr ein, als beispielsweise ein bestimmter Kleidungsstil. Es ist das Zusammenspiel aller künstlerischen und stilistischen Elemente von „Mord im Orient Express“, ob Maske, Musik, Figuren, Umsetzung oder Dialoge, welches für mich perfekt war.

Vielen Dank für das Lesen! Ich wünsche euch allen eine schöne Woche 🙂